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Fukushima Arbeitskreis der Japanologie Frankfurt
Hirata Oriza sagt zu viel – Ein bekannter Vertreter der japanischen Theaterszene verplaudert sich in Sachen Fukushima
 
Lisette Gebhardt (Universität Frankfurt) (Juli 2011)


(Der Theaterregisseur Hirata Oriza) 

Während seines Besuchs in Seoul/Südkorea Mitte Mai 2011 machte der Theaterregisseur Hirata Oriza (*1962) eine bemerkenswerte Aussage. Er erklärte im Anschluss an einen Vortrag zum Thema „Erdbeben und die Revitalisierung Japans“, die US-amerikanische Führung habe die japanische Regierung zur Einleitung von radioaktivem Reaktorwasser ins Meer gedrängt. Hiratas Anmerkung zum Geschehen in Fukushima ist auf mehreren Ebenen problematisch: Zum einen dürfte es in der japanischen Öffentlichkeit Befremden hervorrufen, dass Hirata diese brisanten Neuigkeiten nicht zuerst im eigenen Land weitergegeben hat. Zum anderen war durch die Indiskretion darauf zu schließen, dass der in der japanischen Öffentlichkeit und im Ausland als engagierter Intellektueller wahrgenommene Hirata eine Beraterfunktion der japanischen Regierung innehat; seine Glaubwürdigkeit dürfte damit einigermaßen in Mitleidenschaft gezogen worden sein.

Nachdem der Hirata-Zwischenfall in den Medien aufgegriffen wurde, erklärte die japanische Regierung via ihres Sprechers Yukio Edano, man wisse von Hiratas Auftritt ebensowenig wie von einem einschlägigen amerikanischen Schreiben. Der Regisseur beteuerte umgehend öffentlich sein Bedauern über die unbedachte Äußerung. Diese bietet allerdings im Abspann noch verschiedene Interpretationsmöglichkeiten: Ist sie als eine persönliche Entschuldigung eines japanischen Kulturschaffenden zu deuten, der dem asiatischen Nachbarland gegenüber einräumt, das allen gemeinsame Meer sei durch die Kollateralschäden des havarierten Reaktors belastet? Wollte Hirata dabei zugleich Amerika eine gewisse Schuld zuschieben? Oder beabsichtigte er in erster Linie besorgte koreanische Zuhörer zu beschwichtigen, indem er bei der nicht angekündigten Einleitung von einem Kommunikationsproblem der japanischen Regierung sprach und hinzufügte, die Radioaktivität des betreffenden Wassers sei sehr gering?

Ein Nachgeschmack bleibt freilich zurück. Neben der Enttäuschung, dass es im Grunde neben Ôe Kenzaburôs Appell zur Rückbesinnung auf die Opfer von Hiroshima und Nagasaki kaum nennenswerte Einlassungen zur politischen Dimension der Dreifachkatastrophe von Fukushima gibt, lässt auch die Nachricht von der Verstrickung japanischer Künstler und Denker in die Meinungsbildungsmaßnahmen der Regierung keine allzu große Hoffnung in Bezug auf eine neue kritische Öffentlichkeit  aufkommen. Hirata Oriza, der mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnete Theaterregisseur und Dozent der Obirin Universität, ist tatsächlich kein Einzelfall.

In Japan bezeichnet man prominente Denker, die sich im Sinne der Regierung äußern, als „Gefälligkeitsgelehrte“ (goyô gakusha). „Gefälligkeitsgelehrte“ und sogenannte „Medienintellektuelle“ (bunkajin), die im Zeichen des atomaren Gau auch genpatsu bunkajin, d.h. als „Atom-Medienintellektuelle“ tituliert werden, wurden jüngst in einigen japanischen Twitterportalen und Magazinen enttarnt. Unter ihnen seien der bekannte Anatom, Hirnforscher und Bestsellerproduzent Yôrô Takeshi, der Schauspieler und TV Star Beat Takeshi, der Religionshistoriker, „spirituelle Intellektuelle“ und dritte Direktor des Nichibunken Yamaori Tetsuo, die Kriminalromanautorin Abe Miyuki, die Schriftstellerin Taguchi Randy sowie die Horror- und Phantastikautoren Suzuki Kôji und Yumemakura Baku (Shûkan Kinyôbi, 26. April 2011, Sonderausgabe Genpatsu shinsai, S. 40-45).

Viele japanische Intellektuelle und Vertreter der Kulturszene gehen angesichts einer wenig ausgeprägten japanischen Kulturförderung freilich einen schwierigen Weg. Sie dürfen sich mit wichtigen Geldquellen nicht überwerfen,  um ihre Projekte verwirklichen zu können, während sie dem wissenschaftlichen oder künstlerischen Impetus, Dinge aufzuzeigen und kritisch zu kommentieren ebenfalls nachkommen wollen. Neben einer old boy-Riege von Wissenschaftlern, die sich seit Dekaden aus Überzeugung national engagiert und dabei den japanischen Kulturdiskurs im In- und im Ausland nicht unwesentlich beeinflusst – zu ihr zählen Yamaori Tetsuo, Yôrô Takeshi und Umehara Takeshi – müssen sich die jüngeren Kulturvertreter nun bewähren: Die Dreifachkatastrophe von Fukushima stellt sie vor die Aufgabe, den Bewohnern des Landes einerseits Mut zuzusprechen, andererseits nicht in die Rhetorik des aktuell um sich greifenden „Wiederaufbaunationalismus“ (fukkô nashonarizumu) zu verfallen und die Kritik an den Stromkonzernen und an staatlichen Versäumnissen zu unterschlagen.

Wie sich etwa der Autor und Priester des in Fukushima (Miharumachi) gelegenen Fukujûji-Tempels, Gen’yû Sôkyû, als Mitglied des im April gegründeten „Ausschusses Wiederaufbaukonzept Ostjapan-Großerdbeben“ (Reconstruction Design Council in Response to the Great East Japan Earthquake / 東日本大震災復興構想会議 = Higashi Nihon Daijinsai Fukkô Kôsô Kaigi) positionieren wird, ist abzuwarten. Man wünscht sich, dass er anders als Hirata standhaft bleiben möge. Es werden die Kritik an den bestehenden Machtverhältnissen, transparente Entscheidungsfindungen und nachhaltige Umstrukturierungsmaßnahmen sein, die die Situation letztlich verbessern können.


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