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AKW-Zigeuner

26.12.2010 – 17:36 – KAWAKAMI, Takeshi

Original: 原発ジプシー - http://www.janjanblog.com/archives/27114
übersetzt von Robert Telschig (Leipzig)


Ich habe über fünf Jahre im AKW Hamaoka gearbeitet, meine Arbeitserfahrungen in Atomkraftwerken aber nicht nur in Hamaoka gemacht. Davor habe ich in meinen Dreißigern, also von Mitte der 1970er bis Mitte der 1980er Jahre, fast 10 Jahre lang mit AKWs zu tun gehabt. Damals arbeitete ich nicht an einem bestimmten Ort, vielmehr zog ich im Rahmen regelmäßiger baulicher Inspektionen zu AKWs in den verschiedensten Gegenden umher. Seit einiger Zeit nennt man solche Menschen mit ein wenig Verachtung auch „AKW-Zigeuner“. Und zu dieser Zeit habe ich selbst eben solch ein Leben geführt.

Im zweiten Jahr meines unsicheren, nomadenhaften Lebens, als ich im Atomkraftwerk Genkai in der Präfektur Saga arbeitete, musste ich einmal in den Kernreaktor des Atommeilers hinein.1 Der Kernreaktor ist der Ort, wo der Uran-Brennstoff entzündet wird. Hier wird die Kernreaktion ausgelöst und mittels dieser immensen Energie werden Turbinen angetrieben und so wiederum Elektrizität erzeugt. Aber weil hier eben das Uran entzündet wird, ist dieser Ort auch unvergleichbar hoch radioaktiv. Dort musste ich hinein und die mir aufgetragene Arbeit war es, einen Roboter zu fixieren, der dazu diente, nach Schäden im Reaktorinneren zu suchen.

Eigentlich war an jenem Tag eine andere Person für diese Arbeit – also ins Reaktorinnere zu gehen und diesen Roboter zu fixieren – verantwortlich gewesen. Doch nachdem die Fixierung zunächst beendet war, ereignete sich ein Unfall, bei dem sich der Roboter von außen nicht mehr steuern ließ. An den Wänden im Inneren des Reaktors befinden sich unzählige kleine Löcher in gleich großen Abständen. Die sechs Beine des Roboters (Ich glaube, es waren sechs.) sind in diese Löcher eingeführt und können mittels Fernsteuerung bewegt werden. Die Angestellten, von denen diese Arbeit überwacht wurde, folgerten nun, dass die Beine wohl nicht ganz richtig in ihre reguläre Position gelangt waren.

Wenn es also stimmte, dass die Beine nicht richtig festsaßen, so wäre es nicht unwahrscheinlich, dass der Roboter irgendwann abfällt, würde es einfach so belassen. Fällt er herunter, so würde diese Präzisionsmaschine mit einem Wert von zig Millionen Yen natürlich kaputt gehen. Daher wurde ich nun eilig herbei beordert, um dafür zu sorgen, dass dies nicht passiert. Nämlich indem ich den Roboter in seine richtige Position bringe. Und so begann ich in der Nähe des Kernreaktors die Ausrüstung zum Betreten des Kerns anzulegen. Zwei Arbeiter halfen mir beim Ankleiden. Zwar trug ich bereits zwei Lagen an Arbeitskleidung übereinander, doch zog ich darüber noch einen Tyvek2-Ganzkörperanzug aus Papier und Vinyl, setzte eine Schutzmaske auf und es wurden alle Stellen, an denen potentiell auch nur die kleinsten Risse entstehen können, wie an meinem Hals sowie an meinen Arm- und Fußgelenken, fest mit Klebeband umwickelt.

Nachdem ich die Kleidung, die an einen Raumanzug erinnerte, angezogen hatte, brach ich in Richtung des Kerns auf. Dort angekommen, warteten bereits zwei Arbeiter auf mich. Sie waren Angestellte der „Japanese Society for Non-Destructive Inspection“ (Nihon Hihakai Kensa, kurz: JSNDI), doch zu meiner Verwunderung trugen beide vollkommen normale Arbeitskleidung, obwohl es sich hier doch um einen hoch radioaktiv strahlenden Bereich handelte. Nicht einmal Masken trugen sie. Einer der beiden, der sehr nach dem Verantwortlichen aussah, winkte mich heran. Er betrachtete meine hinter der Maske verborgenen Augen und nickte anschließend mehrmals. Vermutlich urteilte er, in dem er meine Augen betrachtete, ob ich der Arbeit innerhalb des Kerns gewachsen wäre.

Dann näherten wir uns dem Reaktorkern. Damals sah ich solch einen richtigen Kernreaktor zum ersten Mal. Er war kugelförmig beziehungsweise leicht oval mit einem Durchmesser von ungefähr drei Metern (Es kann sein, dass ich die Größe des Reaktorkerns nicht mehr richtig in Erinnerung habe) und etwas höher gelegen als das Gitter, auf dem wir uns befanden. Da das Fundament des Reaktorkerns mir ungefähr bis zur Schulter reichte, muss es wohl knapp 1,5 Meter hoch gewesen sein. In diesem Fundament gab es einen geöffneten Schacht und mir war recht schnell klar, dass ich dadurch wohl ins Innere gelangen würde.

Der verantwortliche Angestellte der JSNDI näherte sich mit mir, den Arm um meine Schulter gelegt, dem Kanalschacht. Wir streckten unsere Köpfe bis ganz knapp vor den Eingang des Schachts und schauten, leicht nach oben blickend, hinein. Im Inneren war es recht dämmerig, die Luft schien schwer und trüb zu sein und ich hatte den Eindruck, als ob sich hier etwas zutiefst Böses niedergelassen hätte. Meine Miene versteinerte sich. Ganz schwach fing nun die Angst an, in mir empor zu kriechen. Als wir uns dem Schacht genähert hatten, begann ein Summen in meinen Ohren und ich bekam das Gefühl, dass es uns vom Eintreten abhalten wollte. Ich starrte dennoch ins Innere und sah an der Wand, auf die der Angestellte mit seinem Finger deutete, den Roboter angebracht. Weil dieser aber nicht richtig fest saß, musste ich also nun hinein. Das Innere aber wirkte von seiner Atmosphäre her unheimlich auf mich, weshalb ich den Wunsch zu fliehen mit aller Kraft unterdrücken musste. Doch wie zuwider es mir auch war, ich konnte nun nicht mehr zurück und musste hinein.

Der Inspektionsroboter war quadratisch geformt mit einer Seitenlänge von ungefähr 40 Zentimetern und hatte eine Tiefe von ungefähr 20 Zentimetern. Diese Art wird auch „Spinnenroboter“ genannt. Der Angestellte der JSNDI war mit seinem Kopf sehr nah am Eingang des Schachts, zuweilen steckte er sogar mit einem Drittel seines Kopfs im Schacht und schaute hinein, während er mir alles voller Eifer erklärte. Zu jener Zeit hatte man noch ein ziemlich schwaches Bewusstsein über die Risiken der Strahlung für die Arbeiter. Trotzdem machte ich mir Sorgen wegen des gewagten Verhaltens des Angestellten, während wir gemeinsam das Innere des Kerns begutachteten.

Er starrte seelenruhig hinein, doch erinnere ich mich noch, wie ich dachte, ob ihn denn nicht auch bald ein Gefühl der Angst befallen würde. Meine Kleidung war ja in einem fast perfekten Zustand, er aber trug ja nicht einmal einen Mundschutz. Um nur kurz mit einer anderen Geschichte von hier abzuweichen: Vor nur wenigen Jahren war im AKW Hamaoka ein Arbeiter, der lange Jahre im Bereich der Inspektion tätig war, an Kieferkrebs erkrankt. Unter seinen Kollegen herrschte das Gerücht, dass er wohl deswegen an Krebs erkrankt sei, weil er zu lange der radioaktiven Strahlung ausgesetzt war, doch der Betreiber Chūbu Denryoku erkannte keinen kausalen Zusammenhang zwischen seiner Arbeit im AKW Hamaoka und der Krebserkrankung an. Zudem hielten sich die Kollegen dann auch aus Angst vor Konsequenzen mit Aussagen zurück, dass die Arbeit im AKW die Ursache für die Erkrankung des Arbeiters gewesen sei. Sie fürchteten sich vor Chūbu Denryoku.

Der Arbeiter kämpfte dann vor Gericht, aber verlor letzten Endes auch dort. Ich habe gehört, dass ihm im Kiefer ständig Blut floss und dass er seinen Groll letztlich mit ins Grab nehmen musste. Ōhashi Akio, der diesen Präzedenzfall betreuende Rechtsanwalt in der Takajo-Rechtsberatungstelle in Shizuoka, meinte mit zornigem Blick, dass er in Bezug auf diesen Fall noch heute der Überzeugung ist, dass die Arbeit im AKW Hamaoka die Ursache für die Erkrankung war. Auch wenn dies schon 30 Jahre zurückliegt, so war ich mir damals sicher, dass sich viel von der unsichtbaren, radioaktiven Strahlung einfach ins Gesicht dieses Angestellten der JSNDI einbrannte, als er mir, der ich zum ersten Mal in einem Reaktorkern war, damals alles erklärte und dabei mit dem Gesicht so nah an den Schacht kam. Er war zwar älter als ich, aber ich habe mich beim Schreiben dieser Zeilen immer wieder gefragt, ob er denn heute noch lebt.

Nachdem die ausführliche Erklärung über die Arbeit im Inneren des Kerns abgeschlossen war, sollte ich nun also tatsächlich hineingehen. Direkt am Fuße des Schachts befand sich eine kleine Leiter, und der Angestellte der JSNDI gab mir, wie ich so unterhalb des Schachts hockend wartete, mit einem heftigen Nicken das Signal. Ich stand also auf und stieg auf die Leiter. Ich zog meinen Kopf ein, machte mich lang und zwängte mich dann mit meinem Oberkörper ins Innere des Schachts. In diesem Augenblick hatte ich das Gefühl als ob, BOOM, irgendetwas auf mich zugerast käme und mein Kopf ganz stark zusammengepresst würde. Sofort fing auch das Summen in meinen Ohren wieder an. Mit der Angst ringend, legte ich beide Hände an den Rand des Schachts und zwängte mich mit aller Kraft ins Innere, woraufhin das Ohrensummen gleich noch einmal heftiger wurde.

Ein Arbeiter soll einmal, direkt nachdem er in den Reaktorkern hineingeklettert war, ein Geräusch gehört haben, wie wenn dort Krabben umher laufen. „Ssssh, ssssh, sssh...“; und auch nach Beendigung der Arbeit soll er dieses unangenehme Geräusch, eben wie umherkriechende Krabben, nicht mehr losgeworden sein. Schlimmer noch, selbst als die Inspektionsarbeiten zu Ende waren und er wieder zu Hause war, verließ ihn dieses Geräusch nicht mehr und der Arbeiter trug letztlich eine neurotische Störung davon. Ein Schriftsteller, dem von dieser Geschichte berichtet worden war, soll diesen Arbeiter zum Ausgangspunkt eines Kriminalromans gemacht haben, der auf diese wahre Begebenheit anspielt. Der Titel dieses Buchs lautet „Die Krabben des Atomreaktors“ (Genshiro no Kani). Dieses Buch, verlegt im Jahr 1981, war seiner Zeit unter uns ein ziemliches Thema gewesen.

Ich selbst hörte nichts, was wie umherlaufende Krabben klang, hatte aber das Gefühl, als würde mein Kopf heftig zusammengepresst, und tief in meinen Ohren schallte es stark, als ob jemand mit wahnsinnigem Tempo Sutren rezitieren würde. Im Inneren des Reaktorkerns angekommen, stand ich schnell auf, worauf ich jedoch mit dem Helm an die Decke stieß. Notgedrungen legte ich meinen Kopf ein wenig zur Seite. Dann umgriff ich im Halbdunkel den Roboter fest mit beiden Händen und rief mit lauter Stimme: „Okay!“ Daraufhin lösten sich die Halterungen und die Beine des Roboters flogen aus den Löchern heraus. Der Roboter selbst war leichter als erwartet. Dann setzte ich die Beine richtig in die Löcher ein und gab mit einem erneuten „Okay“ das Signal. Mit einem Klick wurden die Beine in den Löchern fixiert. Nachdem ich im Halbdunkel noch einmal gründlich prüfte, ob alle Beine in den Löchern waren, rief ich zum wiederholten Male „Okay“ und machte mich schleunigst wieder aus diesem Schacht.

Das Ganze dauerte ungefähr 15 Sekunden. Als ich wie auf der Flucht den Schacht wieder verlassen hatte, ging der sehr verantwortungsbewusste Angestellte der JSNDI mit seinem Gesicht nicht nur in die Nähe des Schachts, sondern steckte dessen obere Hälfte hinein und begutachtete die Positionierung des Roboters. Ich dachte mir, wenn es eine Krankheit wie Augapfelkrebs gäbe, dann würde er jetzt wohl die nötigen Voraussetzungen erfüllen, um ein solcher Patient zu werden. Eilig entfernte ich mich vom Reaktorkern und begab mich zu dem Bereich, wo die Schutzkleidung wieder ausgezogen wird. Diese war außerordentlich kontaminiert, weshalb das Entkleidung mit Bedacht erfolgen musste. Arbeiter mit mehreren Lagen an Handschuhen befreiten mich mit einer Schere vom mehrfach umwickelten Klebeband. Zwei Arbeiter nahmen mir die Tyvok-Schutzkleidung vorsichtig ab. Danach wurde sie von innen nach außen gewendet, zusammengefaltet und schnell in einen Vinylbeutel gesteckt. Weil mittels eines Schlauchs Luft in das Innere des Anzug gepumpt worden war, war es relativ kühl gewesen und ich hatte fast gar nicht geschwitzt.

Noch halb geistesabwesend zog ich mein Alarmdosimeter hervor. Meines war von der Sorte, deren höchster Werte bis 200 geht, und bei mir wurde ein Wert von immerhin 180 aufgezeichnet. Bei einer Arbeit von gerade einmal 15 Sekunden war ich also einer hoch radioaktiven Strahlung von unglaublichen 180 Millirem ausgesetzt. Im Gegensatz zu heute, wo die Einheit Sievert gebräuchlich ist, wurde damals noch die Einheit Millirem für Strahlenangaben verwendet. Ich sollte danach noch etwas mehr als einen Monat an den Inspektionsarbeiten beteiligt sein und auch noch einmal ins Innere des Reaktorkerns gehen. Auch beim zweiten Mal konnte ich meine Angst nicht ablegen und verspürte eben dieses ungeheure Summen in meinen Ohren.


Kawakami Takeshi hat viele Jahre lang als Schweißer, vor allem im Rahmen von Inspektionsarbeiten, in einer Vielzahl von Atomkraftwerken in Japan gearbeitet. Er war unter Anderem in den AKW Genkai und Hamaoka tätig. Zur Zeit lebt er in der Stadt Omaezaki, in der Nähe des AKW Hamaoka gelegen. Auf seiner privaten Webseite "Ist mit dem AKW Hamaoka wirklich alles in Ordnung?" [浜岡原発は本当に大丈夫なのか?] veröffentlicht er in unregelmäßigen Abständen Artikel und Meinungen über diese Anlage. Einige dieser Artikel sind inzwischen auch im JANJAN-Blog erschienen, einer zivilgesellschaftlichen Nachrichtenseite „von Bürgern für Bürger“.


1 In einer persönlichen Korrespondenz des Übersetzers mit Kawakami Takeshi kam zur Sprache, dass das AKW Genkai Druckwasserreaktoren einsetzt und Herr Kawakami nicht, wie im originalsprachlichen Text beschrieben, im Kern des Atommeilers (原子炉), wo sich etwa die Brennelemente befinden, sondern in einem Heißdampferzeuger (蒸気発生器) direkt neben dem Reaktorkern die beschriebenen Arbeiten verrichtete. Um allerdings eine gewisse Kohärenz mit dem Originaltext zu erhalten, wurde dies im Text nicht umgeändert, sei hier der Korrektheithalber angemerkt.

2 Tyvek ist ein papiervliesartiges Faserfunktionstextil, das u. a. als Material für Schutzkleidung verwendet wird.

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