Sie sind hier: Projekte > Japanologie Leipzig > AKW- Gegner und Befürworter

Ich möchte, dass die Leute erfahren, was Atomkraftwerke sind

Quelle: http://www.iam-t.jp/HIRAI/pageall.html

Eine Richtigstellung zur Autorschaft und zum genauen Geburtsdatum Hirai's finden Sie hier.

verfasst von: HIRAI, Norio

übersetzt von: Tobias Junge (Kapitel 1-3, 18-21), Julia Fröhlich (4-7, 14-17, Notizen zum Verfasser) und Mareen Sickel (7-13), Japanologie/Universität Leipzig


 1. Ich bin kein Aktivist der Anti-Atomkraft-Bewegung

Ich habe 20 Jahre lang vor Ort, in Atomkraftwerken gearbeitet. Es gibt verschiedene Diskussionen zur Unterstützung von Atomkraft oder über ihre Gefahren und Sicherheit, aber ich werde in meiner kurzen Geschichte darüber, was und wie Atomkraft ist, über die Vorkommnisse und Abläufe im Atomkraftwerk, über welche die meisten Menschen nicht Bescheid wissen, berichten. Wenn Sie diesen Text bis zum Ende gelesen haben, werden Sie gut darüber Bescheid wissen, dass Atomkraftwerke nicht so sind, wie Sie es sich vorstellen, dass sie täglich aufs neue Strahlungsopfer hervorbringen und enorme Diskriminierungen schaffen.

Es wird hier viele Dinge geben, von denen Sie zum ersten Mal hören. Meiner Meinung nach wäre es gut, wenn Sie, nachdem Sie diesen Text bis zum Ende gelesen haben, darüber nachdenken würden, wie man am besten mit den Atomkraftwerken verfahren sollte. Es gibt viele Menschen, die über den Entwurf oder die Baupläne von Atomkraftwerken berichten, aber jemanden, der wie ich über die Bauarbeiten, also die tatsächliche Planumsetzung berichtet, gibt es nicht.

Mein Fachgebiet ist das Verlegen von Rohren in Fabrikanlagen, großen Chemie-Fabriken und ähnlichen Einrichtungen. Gegen Ende meiner 20er Jahre wurde ich dafür geworben, in Japan Atomkraftwerke zu bauen und ging ins Atomkraftwerk. Da ich ein Arbeiter bin und Jahrzehnte lang als Bauaufseher gearbeitet habe, weiß ich fast alles über das, was in einem Atomkraftwerk vor sich geht.

 

2. Theoretisches Geschwätz über die Sicherheit

Am 17.01. letzten Jahres (1995), als sich das Große Kansai-Erdbeben ereignete, wurden in der Bevölkerung besorgte Stimmen darüber laut, ob durch das Erdbeben nicht die Atomkraftwerke beschädigt werden könnten und ob sie bei einem Erdbeben auch wirklich sicher seien. Aber tatsächlich sind sie keineswegs sicher. Auch wenn der Staat und die Energieversorger betonen, dass über eine erdbebensichere Bauweise nachgedacht und die Atomkraftwerke auf einer festen Felsschicht errichtet wurden und die Kraftwerke deshalb sicher sind, ist dies alles nur theoretisches Geschwätz.

Als ich am Tag nach dem Erdbeben versuchte, nach Kōbe zu fahren, wurde ich erneut zum Nachdenken gebracht. „Mensch, es ist so weit gekommen, dass die Bahnstrecken des Shinkansen zusammengebrochen und die Autobahnen umgestürzt sind und keiner im ganzen Land denkt darüber nach?“, dachte ich.

Die Öffentlichkeit denkt, dass Kernkraftwerke, Shinkansen sowie Autobahnen usw. von den Behörden strengen Prüfungen unterworfen werden. Aber in den Beton der Brückenpfeiler des Shinkansen-Streckennetzes wurden die Holzsplitter der Gussformen mit beigemengt und die Schweißstellen im Stahlgerüst der Stützpfeiler der Autobahnen waren von schlechter Qualität. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wäre alles richtig verschweißt worden, aber genau diese Schweißungen wurden eben nicht ordnungsgemäß ausgeführt und die Schweißstellen lösten sich komplett.

Wie konnte so etwas überhaupt passieren? Die Ursache ist, dass allein der theoretischen Planung zu viel Bedeutung beigemessen wurde, während das Management die Bauplan-Ausführung vor Ort vernachlässigte. Auch wenn dies nicht die unmittelbare Ursache ist, ereignete sich das Unglück schließlich doch.

 

3. Von Laien errichtete Atomkraftwerke

Auch in Kernkraftwerken kommt es viel zu häufig zu Fällen von menschlichem Versagen, sogenannten „human errors“, zum Beispiel wenn Draht in den Reaktor gelangt oder Rohre nicht verbunden werden, weil noch Werkzeug und Geräte darin liegen. Dies geschieht, da auf den Baustellen zu wenige Facharbeiter sind und deshalb die Baupläne nicht richtig verwirklicht werden, wie hervorragend die Pläne auch sein mögen. In den theoretischen Entwürfen ist es eine absolute Voraussetzung, dass die Bauarbeiten von den qualifiziertesten Arbeitern ausgeführt werden. Aber ob die Leute, welche die Atomkraftwerke bauen, auch wirklich solche Qualifikationen vorweisen können und wie es auf den Baustellen wirklich aussieht, wird nicht ein einziges Mal mit angeführt.

Da es tatsächlich so ist, dass Atomkraftwerke oder Baustellen vom Arbeiter bis zum Prüfer von Laien errichtet werden, ist es kein Wunder, wenn es bei Kernkraftwerken, Shinkansen oder Autobahnen irgendwann zu einem ernsten Zwischenfall kommt.

Die Pläne der japanischen Atomkraftwerke sind von hervorragender Qualität und mit doppelten oder dreifachen Sicherheitsvorkehrungen versehen und wenn irgendwo ein Unfall passiert, wird der Betrieb des Kernkraftwerks sofort gestoppt. Jedenfalls ist das bis zur Planungsphase so. In der Ausführungs- und Bauphase verkommt dies zu einem Witz.

Auch wenn man sich beispielsweise beim Eigenheimbau den Plan von einem erstklassigen Architekten anfertigen lässt, ist es ärgerlich, wenn Zimmermänner und Maurer Ungelernte sind und es durchs Dach regnet und Fenster und Türen nicht schließen, aber genauso verhält es sich mit Japans Atomkraftwerken.

Vor einigen Jahren gab es in den Kraftwerken bōshin (erfahrener Bauleiter) genannte Arbeiter, die sich Kenntnisse, die über die Aufsicht der Arbeiter hinausgingen, aneigneten und Oberaufseher waren. Sie waren stolz auf ihre Arbeit, sahen Zwischenfälle und Pfusch als Schande an und wussten über die schrecklichen Konsequenzen eines Unfalls bestens Bescheid. Dies war vor ungefähr 10 Jahren, solche Arbeiter gibt es heute nicht mehr auf den Baustellen. Heute werden nur noch Laien ohne Vorkenntnisse angeworben. Laien wissen nicht um die Schrecklichkeit eines Unfalls, erledigen möglicherweise gesetzeswidrige Arbeiten oder pfuschen und arbeiten ohne jedes Wissen. Dies ist heutzutage der Zustand in unseren Kernkraftwerken.

Zum Beispiel hatte ein Arbeiter in einem der Atomkraftwerke von TEPCO in Fukushima einen Draht in den Atomreaktor fallen lassen, während dieser in Betrieb war und wenn ein Fehler gemacht worden wäre, wäre es zu einer großen, die ganze Welt betreffenden, Katastrophe gekommen. Jener Arbeiter wusste zwar, dass er den Draht fallen gelassen hatte, aber er wusste überhaupt nicht darüber Bescheid, dass dies zu einem großen Unfall hätte führen können. Das heißt, dass die überalterten Kraftwerke zwar gefährlich sind, aber eigentlich sind die neuen genauso gefährlich,  da diese von Laien gebaut werden.

Da die Facharbeiter in den Kernkraftwerken immer weniger werden, standardisiert man die Bauarbeiten, damit sie auch von Laien ausgeführt werden können. Standardisierung bedeutet hier nicht, dass sie sich die Konstruktionspläne ansehen und dann bauen, sondern es bedeutet, dass, ungefähr wie in einer Fabrik, vormontierte Teile herangeschafft werden. Dann wird auf der Baustelle versucht, diese Teile nach dem Schema „Nummer 1 auf Nummer 1, Nummer 2 auf Nummer 2“ wie Bauklötze zusammenzusetzen. Es ist also soweit gekommen, dass man, egal ob man irgendwelche Arbeiten erledigt oder an wichtigeren Dingen arbeitet, absolut ohne zu verstehen, was man macht, baut. Dies ist auch eine Ursache dafür, dass Unfälle und Pannen häufig auftreten.

Außerdem setzt man sich in Atomkraftwerken der radioaktiven Strahlung aus, so dass diese Orte nicht zum Ausbilden von Nachfolgern geeignet sind. Da die Arbeitsplätze in den Kernkraftwerken düster und warm sind, man eine Schutzmaske trägt und nicht die Möglichkeit hat, sich miteinander zu unterhalten, kann man nur gestikulieren. Auf diese Weise ist technisches Knowhow nicht vermittelbar. Darüber hinaus werden die sogenannten fähigen Arbeiter nicht hineingeschickt, damit sie nicht zu früh ihre maximale jährliche Strahlendosis erreichen. Deshalb werden dafür lieber die Laien, von denen sowieso genug zur Verfügung stehen, verwendet.

Ein weiteres Beispiel: Wenn man Schweißer ist, verschlechtert sich das Sehvermögen durch die Arbeit. Wenn man älter als 30 wird, hilft nichts mehr: Man kann feine Schweißarbeiten nicht mehr ausführen. In diesem Fall wird man beispielsweise in Erdölfabriken, wo viele detaillierte Schweißarbeiten nötig sind, keine Anstellung mehr bekommen. Deshalb wird man sich denken, dass man in so einem Fall vielleicht in einem Atomkraftwerk arbeiten könne, auch wenn der Tageslohn recht niedrig ist.

Also bitte keine Missverständnisse: Sie halten ja Kernkraftwerke vielleicht für etwas technisch sehr hoch Entwickeltes, jedoch sind sie nicht so erstklassig.

Es wird sich nichts ändern, wenn die Atomkraftwerke auch in Zukunft von Laien gebaut werden.

 

4. Inhaltslose Kontrollen und Pseudo-Inspekteure

Auch wenn es immer weniger professionelle Arbeiter sind, die die Atomkraftwerke bauen,  meinen manche Leute, dass das in Ordnung ist, solange die Kontrollen gründlich durchgeführt werden. Das japanische Kontrollsystem ist aber problematisch, denn geprüft wird, wenn die Kernkraftwerke fertig sind, was sinnlos ist, denn wichtig ist, den Prozess des Bauens zu kontrollieren.

Wenn der Kontrolleur beispielsweise beim Schweißen nicht durch eigenes Beispiel verdeutlicht, wie man richtig schweißt, ist das keine angemessene Kontrolle. Verfügt ein Inspekteur nicht über das dafür nötige Können, dann kann man nicht von einer richtigen Überprüfung sprechen. Gegenwärtig besteht man die amtlichen Inspektionen schon, wenn man den Ausführungen der Baubeauftragten und Bauherren zuhört und die Dokumente ordnet.

Als sich zu viele Zwischenfälle ereignet haben, setzte das Kabinett fest, dass in jedem Atomkraftwerk ein Spezialist anwesend sein soll, der den Betrieb des Kernkraftwerkes überwacht. Diese Beamten erteilen nach dem Bau der Atomkraftwerke und den regelmäßigen Kontrollen die Betriebserlaubnis. Auch ich wusste, dass sie Laien sind, aber bisher ahnte ich nicht, wie schlimm die Situation wirklich ist.

Während ich einmal in Mito einen Vortrag hielt, sagte jemand aus dem Plenum: „Es ist mir zwar peinlich, aber ich muss mich als völligen Laien bezeichnen“. Dennoch gab sich der Betreffende offen als Angehöriger der Nationalen Behörde für Wissenschaft und Technik[1] zu erkennen. Dieser jemand nannte seinen wirklichen Namen und erzählte mir außerdem: „Das Personal an meinem Arbeitsplatz war auf Grund der Verstrahlungsgefahr nie im Atomkraftwerk. Da es zu dieser Zeit wegen politischen Reformen zu viele Beamte am Ministerium für Fischerei, Land- und Forstwirtschaft gab, versetzte man Leute, die vorher die Seidenraupen- oder Gelbschwanzzucht angeleitet haben, von einem Tag auf den anderen in das Amt eines Fachinspekteurs. Auf diese Weise erteilten Leute, die überhaupt keine Fachkenntnisse haben, als Fachkontrolleure für Kernkraftwerke Betriebserlaubnisse. Der Fachprüfer, der am Atomkraftwerk Mihama war, arbeitete drei Monate vorher noch als Kontrolleur für Reis.“ Kann man so noch Betriebserlaubnissen, die von gänzlich ahnungslosen Leuten ausgestellt wurden, vertrauen?

Als sich in TEPCOs Kernkraftwerk Fukushima ein schwerer Unfall ereignete, bei dem das Notfallkühlsystem (ECCS) in Kraft trat, titelte die Yomiuri shinbun „Fachprüfer außen vor“ und dieser erfuhr erst am nächsten Tag aus der Zeitung, dass sich in dem Atomkraftwerk, für das er verantwortlich war, ein schwerer Zwischenfall ereignet hat. Warum wusste der Fachinspekteur von nichts? Weil den Leuten von den Stromkonzernen klar ist, dass die Kontrolleure völlige Laien sind, und da im Getöse etwa einer Brandstelle keine Zeit ist, um ihnen wie Kindern alles einzeln zu erklären, verzichten die Stromkonzerne von vorneherein darauf, die Inspekteure in das betreffende Kernkraftwerk zu lassen und zu informieren.

Unter den Verantwortungslosen dieser Art gibt es noch diejenigen, die zum Verband für die Kontrolle von Atomkraftwerken[2] gehören. Diese Organisation besteht aus Leuten, die vor ihrer Pensionierung beim Wirtschaftsministerium mit einem Posten in diesem Verband bestochen wurden, so dass demnach Kernkraftwerke überhaupt nicht zu ihrem Fachgebiet gehören. Allerdings verfügen die Verbandsmitglieder über allerlei Befugnisse beim Bau von Atomkraftwerken. Geben sie nicht ihr Einverständnis, kann die Arbeit nicht fortgesetzt werden, aber sie haben von Kontrollen nicht die geringste Ahnung. Deshalb machen sie lediglich eine Stippvisite, obwohl es eine Inspektion sein soll. Jedoch haben sie die Befugnisse für eben diese. Unter diesem Verband findet man die Stromkonzerne, unter denen dann wiederum die drei Hersteller für Kernreaktoren: Hitachi, Tōshiba und Mitsubishi. Ich war bei Hitachi. Nach diesen Unternehmen folgen schließlich die Baufirmen. Dies bedeutet also, dass sowohl über den Kernreaktorherstellern keine Fachkräfte sind, als auch unter ihnen, in den Baufirmen, größtenteils nicht. Daher kann man bei einem Atomkraftwerk-Unfall auch nichts Genaues erfahren, wenn der Reaktorhersteller nicht anwesend ist.

Ich habe sowohl in meiner aktiven Zeit als auch danach immer wieder gesagt, dass man ein wirklich außenstehendes Organ schaffen sollte, das nicht mit dem Wirtschaftsministerium, welches den Bau von Kernkraftwerken nur vorantreibt, in Beziehung steht, und ohne Bestechung und juristische Personen mit Sonderstatus auskommt. Dieses soll dann die Kontrollen durchführen. Weiterhin habe ich, so gut wie es mir möglich war, dargelegt, dass die Kontrolleure Erfahrungen beim Rohrverlegen und dergleichen gesammelt haben sollten. Wenn das Personal sich außerdem vor Ort hocharbeiten würde, könnte es Mängel beim Schweißen oder Baupfuschereien bemerken. Aber bisher hat sich nichts getan. Derartig nachlässig ist die Verwaltung von japanischen Atomkraftwerken auf Grund von übermäßiger Verantwortungslosigkeit also.

 

5. Die Unzuverlässigkeit der erdbebensicheren Bauweise von Atomkraftwerken

Nach dem großen Kansai-Erdbeben (von 1995) wurde hastig die erdbebensichere Bauweise der japanischen Kernkraftwerke überprüft. Das Resultat der Prüfungen, das im September des gleichen Jahres veröffentlicht wurde, lautete erstaunlicherweise: „Alle Atomkraftwerke halten Erdbeben jedweder Stärke stand.“ Meiner Erfahrung nach wird zu Beginn des Baus von Kernkraftwerken nicht ernsthaft über Erdbeben usw. nachgedacht. Es macht keinen Unterschied, ob die Atomkraftwerke neu oder alt sind, dass sie jedem Erdbeben trotzen würden, ist völliger Unsinn. 1993 fiel in Reaktor 1 des Kernkraftwerkes Onagawa auf Grund eines Erdbebens von etwa der Stärke 4 (nach japanischer Skala) die Leistung ab und es fuhr automatisch herunter, aber dieser Zwischenfall war schrecklich. Er war deshalb schlimm, weil dieses Atomkraftwerk 1984 so gebaut wurde, dass es erst bei der Stärke 5 herunterfährt, aber es stellte seine Aktivitäten schon bei einer niedrigeren Intensität ein. Einfach ausgedrückt, ist das so, wie wenn man beim Fahren auf der Autobahn plötzlich eine Vollbremsung einlegt, ohne die Bremse betätigt zu haben. Das Fehlverhalten des Kernkraftwerkes war keine leichte Sache, obwohl sich Tōhoku Electric Power positiv über das Herunterfahren geäußert hat. Wenn ein Atomkraftwerk, das darauf angelegt wurde, bei einer Erdbebenstärke von 5 herunterzufahren, schon bei  4 stoppt, dann kann es auch sein, dass es bei Stärke 5 weiterläuft. Das heißt wiederum, dass sich all jene Dinge zeigen, die nicht dem Entwurf gemäß umgesetzt wurden.

1987 fuhr das Kernkraftwerk Fukushima auch auf solch abnorme Weise herunter und in ganz Japan gibt es 10 Atomkraftwerke von diesem Typ. Ist das bei gründlicherem Nachdenken nicht eine äußerst beunruhigende Angelegenheit?

 

6. Auch bei den regelmäßigen Wartungsarbeiten keine Fachkräfte

Ist ein Kernkraftwerk circa ein Jahr in Betrieb, dann wird es auf alle Fälle heruntergefahren und überprüft. Das wird als regelmäßige Inspektion bezeichnet. Dabei wird untersucht, ob im Reaktor ein enormer Druck von 70 ATM oder 150 ATM herrscht, und ob die Wände der Rohre, durch die entweder normales Wasser oder auch 300°C heißes Wasser mit großer Wucht in flüssigem oder gasförmigem Zustand strömt, stellenweise bis um die Hälfte ausgedünnt sind. Solche Rohre und Ventile werden bei den regelmäßigen Kontrollen auf alle Fälle ausgetauscht, aber diese Arbeit geht immer mit einer Strahlungsexposition einher.

Läuft ein Atomkraftwerk erst einmal, dann sammelt sich darin Radioaktivität und radioaktive Strahlung an. Deshalb werden die Menschen während der Arbeit in den Kernkraftwerken verstrahlt. Beim Betreten eines Atomkraftwerks zieht man die eigene Kleidung aus und die Schutzkleidung an, dann erst geht man ins Innere. Schutzanzüge sollen den Körper vor der Radioaktivität schützen, aber das ist nicht so. Das Dosimeter, welches die Strahlungsmenge misst, ist in der Weste der Schutzkleidung angebracht. Demnach ist der Schutzanzug also lediglich Arbeitsbekleidung, durch die man die Radioaktivität nicht nach draußen trägt. Er schützt den Arbeiter aber nicht vor der Radioaktivität. Darum wird beim Verlassen des Kernkraftwerkes nach Beendigung der Arbeit überprüft, ob man verstrahlt wurde, wobei die kontrollierte Person nur mit einer Unterhose bekleidet ist. An der Oberfläche des Körpers haftet Radioaktivität. Hat man diese Oberflächenverstrahlung, kann man sie durch Duschen größtenteils abwaschen. Deshalb wäscht man sich gründlich, bis die Radioaktivität getilgt ist und darf dann erst gehen.

Außerdem gehören zur Ausrüstung auch die Schutzstiefel, deren Größe aber nicht richtig passt, so dass nicht genügend Freiraum für die Füße vorhanden ist. Weiterhin soll man eine das gesamte Gesicht bedeckende Schutzmaske tragen, um die Radioaktivität nicht einzuatmen. In diesem Aufzug betritt man das Atomkraftwerk, aber da man sich beim Arbeiten ständig um die Strahlung sorgt, kann man dort eigentlich überhaupt keine gute Arbeit leisten. Das ist an einem normalen Arbeitsplatz ganz anders.

Menschen, die solcherlei Arbeiten verrichten, sind zu über 95% völlige Laien. Sie sind einfache Leute oder Fischer, die das z.B. während der Winterpause ihrer tatsächlichen Tätigkeit machen. Ich sage es nicht gern, aber sie sind die so genannten Wanderarbeiter (dekasegi no hito). Da sie keinerlei Erfahrungen mit Kernkraftwerken haben, fürchten sie sich vor dieser Arbeit nicht im Geringsten.

Wenn man beispielsweise beim Anziehen von Bolzen durch Muttern an einem Flansch erklärt: „Zieht die Muttern über Kreuz an, sonst kann ein Leck entstehen!“, ist ihr Arbeitsplatz allerdings der schlimmste Ort, da er im Wirkungsbereich der Radioaktivität liegt und sie dort überall ist. Betreten die Arbeiter ihren Arbeitsplatz, haben sie zwar ein Dosimeter dabei, aber da überall unterschiedliche Strahlungsbelastungen auftreten, unterscheiden sich je nach Ort die Zeiten, in denen die Arbeit möglich ist. Das wiederum ändert sich jedoch auch im Minutentakt.

Bevor die Arbeiter ins Atomkraftwerk gehen, werden die Aufgaben und die Zeit, das heißt, wie lange sie sich an diesem Tag einer bestimmten Strahlungsmenge aussetzen, festgelegt. Wenn man 20 Minuten an einer vorher festgelegten Stelle arbeiten kann, wird das Dosimeter so eingestellt, das es nach 20 Minuten losschrillt. Deshalb wird man angewiesen: „Verlass deinen Arbeitsplatz, sobald das Dosimeter losgeht!“ Allerdings hat man im Kernkraftwerk keine Uhr dabei. Nimmt man seine Uhr mit hinein, dann wird sie radioaktiv verschmutzt. Man muss also mit seiner inneren Uhr arbeiten. So betreten diese Leute ihre Arbeitsstelle.

Daher ist der Kopf dieser Arbeiter nur damit beschäftigt, ob nun beim Festziehen der Bolzen schon 10 oder 15 Minuten vergangen sind, da das Ertönen des Dosimeters furchteinflößend ist. Das so genannte Dosimeter piept so entsetzlich, dass einem die Blässe ins Gesicht steigt, wenn man es zum ersten Mal hört. Jemand, der diese Erfahrung nicht gemacht hat, kann das nicht verstehen. Wenn es anschlägt, dann wird man mit einem Mal einer radioaktiven Strahlung ausgesetzt, die die Röntgenstrahlung um ein Vielfaches übertrifft. Deshalb zieht man die Bolzen den Instruktionen zum Trotz nicht über Kreuz, sondern der Reihe nach fest, was auf alle Fälle verantwortungslos ist, wenn man bedenkt, was dann passieren kann.

 

7. Ein Meer aus radioaktivem Ableitungswasser

Es ist üblich, die regelmäßigen Kontrollen im Winter durchzuführen, sind diese vorbei, fließt tonnenweise radioaktives Wasser ins Meer. Um es klar zu sagen: Es gibt heutzutage auf dem japanischen Archipel nicht einen Fisch, den man unbesorgt essen kann, da die Meere um Japan radioaktiv verseucht sind.

Das Ableiten von radioaktivem Wasser ins Meer erfolgt nicht nur während der regelmäßigen Wartungsarbeiten. Da Atomkraftwerke ungemein viel Wärme abgeben, werden sie in Japan durch Meereswasser gekühlt, welches danach wieder ins Meer entsorgt wird. Aber dieses radioaktive und heiße Abwasser schwillt innerhalb von einer Minute auf unzählige Tonnen an.

Auch wenn es einen Unfall in einem Kernkraftwerk gibt, verkünden die Präfekturen etc. rasch Sicherheitsverlautbarungen und darüber hinaus versuchen die Stromkonzerne, solche Zwischenfälle zu verbergen. Zudem interessiert sich die Bevölkerung für dieses Thema kaum, so dass die Meere Japans völlig verseucht sind.

Der Schutzanzug, der voller radioaktiver Teilchen ist, wird zunächst gereinigt und dann fließt alles ins Meer. Misst man die Strahlungsmenge am Überlauf, dann ist sie riesig. An diesen Orten werden Fische gezüchtet. Menschen, die sicheres Essen wünschen und das wissen, verlangen nach mehr Interesse an den Atomkraftwerken. Bleibt aber alles wie bisher, dann wird es immer schwieriger, nicht von Strahlung kontaminierte Lebensmittel zu bekommen.

Vor einigen Jahren sagte eine fast 80-jährige, ambulanten Handel betreibende Frau in einer Anhörung zum Prozess gegen das Kraftwerk Shiga in der Präfektur Ishikawa Folgendes: „Ich habe bisher von dem Atomkraftwerk nichts gewusst. Als ich heute meinem besten Kunden Riementang (konbu) und Seetang (wakame) brachte, sagte mir seine junge Ehefrau, dass es ihr zwar nicht gefiele, sie die Algen aber heute zum letzen Mal kaufen könne, da das Kernkraftwerk Shiga in Berteib genommen worden sei. Auch wenn ich von Atomkraftwerken nichts verstehe, habe ich doch zum ersten Mal am eigenen Leib erfahren, was dieses Kernkraftwerk ist.“ Daraufhin schloss sie ratlos mit der Frage, was sie denn nun machen solle. Ohne dass Sie davon etwas wissen, werden die Meere um Japan immer weiter radioaktiv verseucht.

 

8. Am meisten Angst macht die innere Verstrahlung

Innerhalb der Reaktorgebäude verwandelt sich alles in radioaktives Material. Alle Dinge werden zu radioaktivem Material und beginnen zu strahlen. Grund hierfür ist, dass die radioaktive Strahlung auch noch so dicken Stahl durchdringen kann. Die äußerliche Verstrahlung ist zwar auch furchterregend, aber am meisten Angst macht die innere Verstrahlung.

Staub, überall Staub und Schmutz. Im Kraftwerk wird dieser Staub durch die Strahlung selbst zu  radioaktivem Material und fliegt umher. Wenn dieser verstrahlte Staub durch Mund oder Nase eindringt, dann kommt es zu einer inneren Verstrahlung. Unter den Arbeiten im Kraftwerk sind es vor allem das Aufräumen und Reinigen, die zur inneren Verstrahlung führen. Diejenigen, die im Inneren ihres Körpers verstrahlt werden, befinden sich, anders als bei der Verstrahlung von außen, die ganze Zeit über in Gefahr, da sie direkt vom Körperinneren her der Verstrahlung ausgesetzt sind.

Strahlung, die in den Körper dringt, wird gewöhnlich innerhalb von drei Tagen mit Schweiß und Urin wieder ausgeschieden, so sind es aber immerhin noch drei Tage, die sie im Körper bleibt. Wenn man auch sagt, sie wird wieder ausgeschieden, da es sich dabei um eine vom Menschen willkürlich festgelegte Richtlinie handelt, sinkt sie jedoch niemals auf null. Das ist extrem angsterregend. Wie gering die Menge auch sein mag, sie wird im Körper angesammelt.

Ich denke, dass diejenigen, die schon einmal ein Atomkraftwerk besichtigt haben, davon wissen, aber die Stellen, die besichtigt werden können, werden schön sauber gemacht und die Angestellten fragen stolz: „Ist das nicht sauber?“ Diese Praxis ist selbstverständlich.  Würde man vorher nicht alles reinigen, gäbe es eine Gefährdung durch umherfliegenden, radioaktiven Staub.

Ich wurde mehr als hundert Mal von innen verstrahlt und habe Krebs bekommen. Als ich die Diagnose gestellt bekam, dachte ich voller Todesangst darüber nach, was ich nur tun könne.  Aber meine Mutter hat immer gesagt: „Es gibt nichts größeres als den Tod.“ Bevor ich also sterbe, wollte ich etwas tun. Ich wollte alles, was ich über Atomkraftwerke wusste, ans Licht bringen.

 

9. Alles andere als eine normale Arbeitsumgebung

Radioaktivität hat die Eigenschaft, sich anzusammeln. Egal wie gering die Mengen auch sein mögen, sind zehn Jahre vergangen, hat sich ebenso lange Radioaktivität angesammelt. Die japanische Atomaufsicht vertritt die Haltung, es sei genügend, einen jährlichen Wert von 50mSv nicht zu überschreiten.

Nimmt man einmal an, dass die Wartungsarbeiten ungefähr drei Monate lang dauern, teilt man diesen Zeitraum durch den jährlichen Grenzwert und erhält somit einen zulässigen Tageswert. Aber an Orten, an denen die Strahlungsmenge hoch ist, kann es auch vorkommen, dass man täglich nur 5 bis 7 Minuten arbeiten kann. Da man in dieser kurzen Zeit jedoch nichts zu Stande bringen kann, setzt man die Arbeiter mit einem Mal einer Strahlung  von 3 Tagen oder gar einer Woche aus. Das ist eine völlig unverantwortliche Methode, aber nur so kann man 10 oder 20 Minuten arbeiten. Wenn man die Leute wissen lassen würde, dass sie Leukämie oder Krebs bekommen können, wenn sie das tun, dann wäre es ja noch in Ordnung. Aber die Energiekonzerne sagen überhaupt nichts davon.

Einmal kam es vor, dass, während das Kraftwerk lief, an einer Maschine eine große Schraube locker wurde. Da die Strahlungsmenge extrem hoch ist, während das Kraftwerk läuft, hat man 30 Arbeiter vorbereitet, um diese eine Schraube festzuziehen. Sie stellten sich in einer Reihe auf und mit einem Startschuss rannten sie zu der ca. 7m entfernten Schraube. Zählte man dort angekommen bis drei, so ertönte bereits der Alarm. Es gab auch solche, die hineinrannten, sich fragten, wo denn der Schraubenschlüssel zum Festziehen der Schraube sei und dann war ihre Zeit schon vorüber. Für nur ein, zwei oder drei Umdrehungen der Schraube waren 160 Mann nötig und es kostete ungefähr 4 Mio. Yen.

Man fragt sich vielleicht zweifelnd, warum man für Reparaturen den Reaktor nicht herunterfährt, wenn man das Kraftwerk aber nur einmal anhält, bedeutet das einen Verlust von mehreren 100 Mio. Yen, weshalb der Betreiber dies möglichst verhindert. Radioaktivität ist äußerst gefährlich, den Unternehmen geht es jedoch weniger um Menschenleben als vielmehr um Geld.

 

10. „Absolut sicher!“ – fünfstündige Gehirnwäsche

Leute, die in Atomkraftwerken und anderen Orten arbeiten, an denen Strahlung existiert, werden Strahlenarbeiter genannt. Bis heute gab es ca. 270.000 solcher Strahlenarbeiter in Japan, die meisten unter ihnen sind Kernkraftwerk-Arbeiter. Auch heute arbeiten ca. 90.000 von ihnen in Atomkraftwerken. Diese Leute unterstützen die Wartungsarbeiten einmal im Jahr und werden dabei jeden Tag verstrahlt.

Für diejenigen, die zum ersten Mal in einem Kernkraftwerk arbeiten, wird eine ca. fünfstündige Einweisung zur Strahlenkontrolle abgehalten. Das wichtigste Ziel dabei ist es, Ängste zu beseitigen. Dass Atomkraftwerke gefährlich sind, wird mit keinem Wort erwähnt. Da alles in Ordnung ist, weil gemäß der vom Staat festgelegten Strahlendosis kontrolliert wird, könnt ihr unbesorgt arbeiten. Atomkraftgegner auf der ganzen Welt sagen zwar, dass man durch Radioaktivität Krebs und Leukämie bekommen kann, aber das sind „riesengroße Lügen“. Wenn die Vorschriften eingehalten werden, dann ist alles in Ordnung. Mit solchen Aussagen wird eine fünfstündige Gehirnwäsche durchgeführt.

Solch einer Gehirnwäsche über die Sicherheit von Atomkraftwerken unterziehen die Stromkonzerne auch Menschen aus der Umgebung. Man hält Vortragsveranstaltungen mit Berühmtheiten ab, gibt Kochkurse im Kulturzirkel und verteilt durch Zeitungen schöne bunte Handzettel. Wenn es also zu einem Zwischenfall kommt und die Menschen denken, es sei doch gefährlich, dann wird mit der Sicherheitspropaganda sofort eine Gehirnwäsche durchgeführt und fest davon überzeugt, dass „es ohne Atomkraftwerke keinen Strom gäbe und man somit in Schwierigkeiten wäre.“

Ich selbst habe fast 20 Jahre lang als Verantwortlicher eine schlimmere Gedankenkontrolle oder Gehirnwäsche an den Arbeitern durchgeführt, als Asahara in der Aum-Sekte. Wie viele ich getötet habe, weiß ich nicht. Immer wieder wurde ich gefragt, ob die Arbeiter vor Ort denn keine Angst hätten.  Da man sie aber nichts von der Gefahr, die von Radioaktivität oder von Verstrahlung ausgeht, wissen lässt, macht sich ein Großteil keine Gedanken. Selbst wenn sie gesundheitliche Beschwerden bekommen, kommen sie überhaupt nicht auf die Idee, dass das Atomkraftwerk daran schuld sein könnte. Jeder Arbeiter wird täglich verstrahlt. Zu verhindern, dass dies zu den Betroffenen oder nach außen dringt, ist die Aufgabe der Verantwortlichen. Sollte doch etwas vom Verstrahlungsproblem durchsickern, dann wird der Verantwortliche gefeuert. So läuft es in einem Kernkraftwerk.

Ich habe lange Zeit diese Arbeit gemacht und es gab viele Tage, an denen es unerträglich war. Abends betäubte ich mich mit Alkohol und mit jedem Tag trank ich mehr. Die Fragen, die ich mir selbst stellte, wurden auch immer zahlreicher. Warum mache ich das überhaupt? Für wen? Muss ich jeden Tag voll solcher Lügen verbringen? Wenn ich es jetzt so bedenke, hat die 20-jährige Arbeit im AKW auch meinen Körper durch Verstrahlung zerstört.

 

11. Wer hilft?

Einmal geriet ein Arbeiter im Atomkraftwerk Fukushima von TEPCO mit der Stirn an eine Schleifmaschine und verletzte sich schwer. Da er stark blutete und man keine Zeit verlieren durfte, hat man sofort den Notarzt gerufen und  ihn nach draußen getragen. Aber der Verletzte war voller Radioaktivität. Da aber auch die Betreiberfirma den Kopf verlor, hatte man ihm nicht die Schutzkleidung ausgezogen und ihn nicht gewaschen. Da sich auch der Notarzt der radioaktiven Verschmutzung nicht bewusst war, wurde der Verletzte ohne Reinigung ins Krankenhaus gebracht. Auf diese Weise wurde der Notarzt, der ihn berührt hatte, der Rettungswagen, die Ärzte und Krankenschwestern sowie andere Patienten, die von ihnen berührt wurden, verseucht. Diese Patienten trugen die Radioaktivität nach außen und somit verbreitete sie sich weiter. In der Stadt kam es beinahe zu einer Massenpanik. Nur weil jeder dem Schwerverletzten, der viel Blut verloren hatte, verzweifelt irgendwie helfen wollte und man Strahlung nicht sehen kann, hat niemand daran gedacht, dass derjenige radioaktiv verschmutzt war.

Schon durch einen einzelnen kam es zu solch einer Situation. Was soll man eigentlich tun, wenn es zu einem schweren Unfall kommt und viele Anwohner radioaktiv verseucht werden? Kann man sich das vorstellen? Das sind keine fremden Angelegenheiten. Das betrifft alle im Land.

 

12. Der erschreckende Störfall von Mihama durch ein kaputtes Rohr

Keiner weiß davon oder es interessiert niemanden, aber in japanischen Kernkraftwerken kommt es immer wieder zu erschreckend schweren Störfällen. Dabei handelt es sich um Störfälle, die denen von Three Mile Island und Tschernobyl in nichts nachstehen. Einer davon ist der Unfall in Fukushima II im Jahr 1989, bei dem eine Umwälzpumpe zerbarst – das war der weltweit erste Zwischenfall.

Ein weiterer ist der Unfall im Februar 1991 im Atomkraftwerk Mihama der Firma KEPCO, bei dem ein Rohr brach und große Mengen Radioaktivität direkt in die Luft und ins Meer gelangten.

Als es zum Unfall in Tschernobyl kam, war ich kaum überrascht, da mir klar war, dass es zu solchen Zwischenfällen kommen muss, wenn man Atomkraftwerke baut. Ich dachte, diesmal hat es zufällig Tschernobyl getroffen und nicht Japan. Aber der Unfall im Kraftwerk Mihama hat mich dann doch erschrocken. Meine Beine haben so gezittert, dass ich nicht mehr vom Stuhl aufstehen konnte.

Das war ein schwerer Störfall, da das ECCS (Emergency Core Cooling System, Notkühlung) manuell betätigt und der Reaktor heruntergefahren wurde. Das ECCS ist die letzte Bastion für die Sicherheit eines Atomkraftwerks. Funktioniert es nicht, dann war’s das. Deshalb ist der Störfall von Mihama, bei dem die Notkühlung betätigt wurde, vergleichbar mit einem Bus, der mit über 100 Mio. Menschen beladen ist und mit 100km/h über den Highway rast, aber dessen Bremsen nicht funktionieren und der erst beim Aufprall an einer Felswand zum Stehen kommt.

Radioaktives Wasser aus dem Reaktorinneren lief ins Meer und der Reaktor war kurz vorm Überhitzen. Die vielen Sicherheitsventile, auf die Japan so stolz ist, versagten eines nach dem anderen und 0,7s später wäre es so gekommen, wie in Tschernobyl. Obwohl Samstag war, war zufällig ein erfahrener Angestellter zur Stelle. Die automatische Abschaltung funktionierte nicht und in einer augenblicklichen Entscheidung schaltete er das Kraftwerk manuell ab. Es kam nicht zu einem Unfall, der die gesamte Welt betroffen hätte. Die Menschen in Japan, nein, die Menschen auf der ganzen Welt, haben wirklich Glück gehabt.

Die Ursache lag in den an den ca. 2mm dünnen Rohren angebrachten Halterungen, die verhindern sollen, dass sich tausende Rohre bei Vibrationen berühren, die nicht entsprechend den Bauplänen eingebaut waren. Es war ein Konstruktionsfehler. Das wurde bei den Wartungen in beinahe 20 Jahren nicht festgestellt, daher war es auch ein Unfall, der die Schlamperei bei den Wartungen ans Licht brachte. Wenn sie nicht passten, wurden sie gekürzt  und waren sie zu kurz, wurde verlängert – solche Dinge, bei denen ein Architekt sagen würde: „Das kann doch nicht wahr sein!“, sind in Kernkraftwerken Gang und Gäbe. Auch dies hat der Unfall gezeigt.

 

13. Der schwere Störfall von Monju

Am 8. Dezember 1995 kam es im zur PNC (Power Reactor and Nuclear Fuel Development Corporation) gehörenden Kraftwerk Monju in Tsuruga, Fukui zu einem schweren Unfall, bei dem Natrium austrat. Das war nicht das erste Mal, sondern es kam schon mehrere Male zu Unfällen. Ich wurde während des Baus sechsmal hinzu gerufen. Das kam daher, dass die Verantwortlichen – der  Direktor, die Aufsicht und die Angestellten – frühere Untergebene von mir waren und so rief man mich, sobald Probleme auftraten. Ich hatte meine Arbeit bereits aufgegeben, da man ein Atomkraftwerk aber nicht einfach wieder reparieren kann, wenn es zu einem Unfall kommt, konnte man sie nicht einfach machen lassen, und nur deshalb ging ich hin.

Einmal bekam ich einen Anruf, in dem es hieß: „Komm‘ mal her, die Rohre passen einfach nicht zusammen.“ Als ich mir das dann anschaute, entsprachen die speziell angefertigten Rohre sowie die Fertigfabrikate den Plänen und den Abmessungen. Trotzdem passten sie nicht. Nachdem ich eine Nacht lang darüber nachdachte, kam ich schließlich drauf. Monju wurde durch mehrere Firmen wie Hitachi, Tōshiba, Mitsubishi und Fuji Electronics gebaut und die Richtlinien dieser Firmen sind unterschiedlich.

Mit dem Blick auf die Pläne ignorierte Hitachi, wo ich arbeitete, die Nachkommastellen, Tōshiba und Mitsubishi rundeten auf 0,5mm auf und JAERI (Japan Atomic Energy Research Institute) rundete auf 0,5mm ab. Das sind zwar nur 0,5mm, doch das summiert sich und die Abweichung wird gewaltig. Deshalb stimmten zwar die Zahlen und Linien, aber im Ganzen passte es nicht.

Da es so nicht geht, musste alles korrigiert werden. Das war auf jeden Fall teuer, da es das Land Prestige gekostet hat.

Wie konnte es dazu kommen? Es gab auf Grundlage des jeweiligen Knowhow und der Firmengeheimnisse keine gemeinschaftlichen Absprachen darüber, wie man bezüglich der 0,5mm eine Übereinstimmung erreichen kann, ob man auf- oder abrundet. Auch bei dem Thermosensor, der diesen Unfall von Monju verursacht hat, gab es wohl keine Absprachen unter den verschiedenen Herstellern.

Obwohl solche Thermoelemente an den Rohren aller Kraftwerke angebracht sind, habe ich noch nie so lange gesehen. Bestimmt gab es Leute, die beim Bau die Gefahr erkannten. Aber sie sagten sich sicherlich, dass es ja eine andere Firma ist und sie sich nicht kümmern brauchen, denn die eigene Firma trägt dafür keine Verantwortung.

Die PNC selbst ist ein Konglomerat aus zeitweise transferierten Vertretern der Energieanbieter und auch die Herstellerfirmen sind gemischt. Damit muss es zu Unfällen kommen, und wenn nicht, ist das eher ein Wunder. Unfälle sind selbstverständlich.

Aber selbst bei solch einem schweren Störfall spricht die Regierung nicht von einem „Unfall“. Wie bei dem schlimmen Unfall von Mihama heißt es: „Es gab einen Vorfall“. Ich wurde direkt nach dem Unfall zur Präfektur-Versammlung von Fukui gerufen. Dort gibt es allein 15 Reaktoren (in 4 Atomkraftwerken), und die Einladung kam von einem Abgeordneten der LDP. Ich sagte diesem Abgeordneten immer wieder: „Das ist eure Schuld, dafür sind nicht die Leute, die dagegen sind, verantwortlich.“ Vor kurzem wurde ich erneut zu jenem Abgeordneten gerufen. „Diesmal habe ich mich dazu entschlossen, mich mit der PNC anzulegen. Ich möchte von Ihnen wissen, was ich am besten tun soll.“ Mit diesen Worten suchte er meinen Rat.

Was ich ihm also als erstes sagte, war: „Es handelt sich um einen Unfall. Unfall! Sie dürfen sich nicht von einer Bezeichnung wie Vorfall täuschen lassen!“  Als die PNC ihre Erklärung bei der Präfektur-Versammlung mit den Worten „der aktuelle Vorfall…“ begann, rief der Abgeordnete: „Das ist ein Unfall, ein Unfall!“ Es gab zwar eine TV-Übertragung, aber auch da betrog man und machte daraus das harmlos klingende „Vorfall“. Nicht nur die örtliche Bevölkerung, sondern auch wir lassen uns nicht von verharmlosenden Bezeichnungen wie „Vorfall“ hinters Licht führen.

Gewöhnliche Leute fassen die Worte „Unfall“ und „Vorfall“ völlig unterschiedlich auf. Weil dieses Land Unfälle ausweichend als Vorfälle oder ähnliches bezeichnet, haben die Japaner  kaum ein Gefühl für Gefahren.

 

14. Wird japanisches Plutonium zu französischen Kernwaffen?

Das in Monju verwendete Plutonium wurde von Japan, das den Auftrag zur Wiederaufbereitung von Frankreich erhalten hatte, extrahiert. Die Wiederaufbereitung ist das Extrahieren von Plutonium, welches man im Kraftwerk aus den erhitzten Uran-Brennstäben gewinnt. Plutonium ist also ein Stoff, den man auf diese Weise nur künstlich gewinnen kann.

In Monju werden in etwa 1,4 Tonnen solchen Plutoniums verwendet. Die Atombombe von Nagasaki wog ungefähr 8 Kilogramm, aber wie viele Bomben kann man wohl von dem Plutonium in Monju bauen? Außerdem, wie wenig Plutonium es auch sein mag, so ist es doch ein Lungenkrebs verursachendes, tödliches Gift. Da seine Halbwertszeit 24.000 Jahre beträgt, strahlt es ewig Radioaktivität aus. Deshalb wurde es auch nach dem Herrscher der Unterwelt, Pluto, benannt. Dies verdeutlicht, dass Plutonium das Gefährlichste ist, was es auf unserer Erde gibt.

Aber nur wenige wissen, dass für die letztes Jahr (1995) von Frankreich ausgeführten Atomtests sehr wahrscheinlich japanisches Plutonium verwendet wurde. Bei den französischen Aufbereitungsanlagen wird kein Unterschied gemacht, ob das gewonnene Plutonium für Waffen oder im Kraftwerk gebraucht wird. Daher ist kaum zu bezweifeln,  dass bei den Nukleartests in dieser Zeit japanisches Plutonium verwendet wurde.

Das ist auch der Grund, warum Japan sich nicht deutlich gegen diese Atomtests aussprechen konnte. Es wäre eigentlich für die japanische Regierung eine leichte Sache gewesen, die französischen Nukleartests ernsthaft zum Stoppen zu bringen. Es hätte nämlich gereicht, den Vertrag zur Wiederaufbereitung aufzuheben. Aber man hat es nicht getan.

Dass das Außenhandelsvolumen zwischen Frankreich und Japan das zweithöchste ist, liegt an dem Geld für die Wiederaufbereitungen. Da die Bevölkerung davon nichts weiß, ruft sie vergeblich: „Gegen Atomtests! Wir sind gegen Atomtests!“ Obendrein ist es so, dass Japan zwar als einziges Land genannt wird, über dem Atombomben abgeworfen wurden, aber gleichzeitig unterstützt japanisches Plutonium die Bombardierung der Einwohner von Tahiti und die radioaktive Verseuchung des sauberen Meeres.

Obwohl die ganze Welt von der thermischen Verwendung von Plutonium abgekommen ist, versucht allein Japan noch immer mithilfe dieses Verfahrens Strom zu gewinnen. In gewöhnlichen Kernkraftwerken verbrennt man einen aus Uran und Plutonium gemischten Brennstoff (MOX-Brennstäbe), wobei versucht wird, die thermische Verwendung von Plutonium durchzuführen. Aber das ist überaus gefährlich. Einfach ausgedrückt ist es so, als würde man Benzin in einem Ölofen verbrennen. Die ursprüngliche Anlage der Kernkraftwerke ist für die Verbrennung von Plutonium nicht geeignet. Plutonium setzt, anders als Uran, bei der Kernspaltung wesentlich mehr Energie frei. Deshalb wird es für Atombomben verwendet.

Bei aller Armut an Rohstoffen dieses Landes – ist das nicht allzu brutal? Wenn wir nicht schleunigst die Atomkraftwerke stoppen und den Verbrauch von Plutonium unterbinden, werden allerorts die Zahlen der Strahlenopfer steigen.

 

15. Japan hat nicht den Mut, auf halbem Weg umzukehren

 Weltweit geht die Ära der Kernkraftwerke ihrem Ende entgegen. Die in Sachen Kernkraft führenden USA haben im Februar (1996) verlautbaren lassen, dass sie bis 2015 ihre Atomkraftwerke um die Hälfte reduzieren werden. Zudem werden auf Befehl des Präsidenten die Plutonium-Forschungen eingestellt. Bei solch einer furchteinflößenden Substanz stellt man sogar die wissenschaftlichen Untersuchungen ein!

Die USA sowie natürlich auch Großbritannien und Deutschland legen schnelle Brüter, also Atomkraftwerke, die wie Monju Plutonium verwenden, still. In Deutschland werden stillgelegte Kernkraftwerke in Freizeitparks umgewandelt. Weltweit wurde erkannt, dass die Stromgewinnung aus Plutonium unmöglich ist und man beendet sie. Auch die japanische Regierung dachte bei dem letzten Unfall wohl: „Wir haben versagt.“ Aber dennoch zieht sie keinen Schlussstrich. Das bedeutet, sie will mit der Stromgewinnung durch Plutonium weitermachen.

Der Grund, warum Japan nicht aussteigt, ist der, dass Japan nicht den Mut hat, bei einer einmal entschiedenen Sache auf halbem Weg umzukehren. Dass Japan diesen Mut nicht hat, ist äußerst beängstigend. Sie alle kennen sicher unendlich viele solcher Beispiele.

Jedenfalls ist die japanische Atompolitik verantwortungslos. Nachdem Japan begonnen hat, Kernkraftwerke zu bauen, verschwendete es nicht einen Gedanken an das Danach. Es wird sich dann schon etwas ergeben. So unverantwortlich wurde gehandelt. Auf diese Weise sind Jahrzehnte vergangen. Nicht einmal die Sache mit den Abfällen ist geklärt.

Eine weitere schlimme Sache ist, dass bisher an den Universitäten zwar das Fach der Atomtechnik gelehrt wird und es auch durchaus Studenten in dieser Disziplin gibt, sich heutzutage die jungen Leute aber von der Atomenergie fernhalten, so dass die Studenten, von der Universität Tokyo bis zu den meisten anderen Universitäten, immer weniger geworden sind. Selbst die Zahl der Studenten, die sich nur theoretisch mit Atomkraft befassen, ist gesunken.

Außerdem sank auch die Zahl der Leute in den Abteilungen für Atomkraft von Hitachi und Tōshiba um ein Drittel, da diese zu Herstellern von Gasturbinen für die Kraft-Wärme-Kopplung (ein effizientes Verfahren zur Stromerzeugung, bei dem gleichzeitig Strom und Warmwasser erzeugt wird) gegangen sind. Es sieht aus dem Blickwinkel der Herstellerfirmen sogar so aus, als sei das Ende der Atomkraft bereits eingetreten.

Shimamura Takehisa, ehemaliger Leiter der Atomenergiebehörde, schreibt in dem Buch „Die Atomenergie-Debatte“ Folgendes: „Das Handeln der japanischen Regierung ist nicht gerade konsequent. Obwohl der Strom ausreichend ist, wird völlig planlos Uran und Plutonium angehäuft. Das ist so, weil die Regierung nicht klipp und klar Nein dazu sagt. Und so versucht Japan den Argwohn jener Länder der Welt, die der Ansicht sind, dass mit solchen Substanzen keine Waffen hergestellt werden sollten, zu zerstreuen, indem es die friedliche Nutzung der Kernkraft, also den Bau von Atomkraftwerken, vorantreibt.“ Auch das ist Japan.

 

16. Über die Unmöglichkeit der Reaktorstillegung und -demontage in den Kernkraftwerken

 Im Jahre 1966 ging in Tōkai, ein Ort in der Präfektur Ibaraki, der erste Reaktor Japans, welcher aus Großbritannien importiert worden war, mit einer Leistung von 160.000 Kilowatt ans Netz. Danach ging man zu Atomkraftwerken über, deren Technik und Anlage man aus Amerika importierte, und irgendwann baute man sie selbstständig. Heute aber sind auf den schmalen japanischen Inseln 51 Reaktoren in Betrieb. Unter ihnen gibt es solche gigantischen Ausmaße einer Leistung von 1.350.000 Kilowatt.

Diese Reaktoren wurden in Betrieb genommen, ohne dass man sich Gedanken über konkrete Dinge wie Stilllegung und -demontage sowie die Abfälle gemacht hatte. Aber auch die Reaktoren, die aus dickem Stahl bestehen, werden bröcklig, wenn sie großer Radioaktivität ausgesetzt sind. Deshalb gab es anfangs den Plan, zehn Jahre alte Reaktoren zu demontieren, da man ihre Lebensdauer auf zehn Jahre festgesetzt hatte. Aber 1981 wurde der Reaktor 1 des Kraftwerks Fukushima von TEPCO zehn Jahre alt und es zeigte sich, dass die ursprünglich beabsichtigte Reaktorstilllegung und -demontage überhaupt nicht möglich ist. Diese Angelegenheit – dass der Reaktor der Kernreaktion nicht mehr standhalten kann – wurde auch im Parlament problematisiert.

Zu dieser Zeit prüfte auch ich täglich, wie man eine Stilllegung und Demontage des Reaktors bewerkstelligen könnte, aber mir wurde klar, dass auch beim zwanghaften Versuch der Stilllegung und Demontage des mit Radioaktivität verunreinigten Atomkraftwerks die Kosten die des Baus um ein Vielfaches übersteigen würden und man das massenweise Auftreten von Verstrahlungen in keinster Weise vermeiden könnte. Der Grund dafür ist, dass diejenigen, die direkt unter dem Reaktor sind, nur ungefähr etwas über zehn Sekunden arbeiten könnten, wenn man die festgesetzte Strahlendosis einhalten will.

Sitzt man am Schreibtisch, ist alles möglich, aber in der Wirklichkeit gehen diese Dinge mit schrecklichen Verstrahlungen einher, weil sie von Menschenhand ausgeführt werden müssen. Deshalb sind diese Dinge nicht möglich, wenn die Radioaktivität nicht Null beträgt. Ebenso sind Reaktorstilllegung und -demontage unter geringstmöglicher Radioaktivität nicht durchführbar. Außerdem gibt es Leute, die meinen, dass man Roboter verwenden solle, wenn es für Menschen nicht machbar ist. Aber Forschungen haben gezeigt, dass man Roboter nicht verwenden kann, weil sie durch die Radioaktivität fehlerhaft funktionieren.

Schließlich schickte der amerikanische Hersteller, von dem man das Kernkraftwerk gekauft hatte, Arbeitskräfte aus seinem Land und setzte sie in Japan ohne zu zögern einer intensiven Verstrahlung aus, um den Reaktor des Atomkraftwerk Fukushima zu reparieren. Bis heute ist dieses Kernkraftwerk in Betrieb.

Kraftwerke, deren Lebensdauer zu Beginn auf zehn Jahre festgesetzt worden war, arbeiten so nun schon fast 30 Jahre. Von ihnen gibt es elf Stück. Obwohl sie völlig verbraucht sind, laufen sie weiter, und ich bin äußerst besorgt darüber.

Außerdem befindet sich in Kawasaki in der Präfektur Kanagawa der Forschungsreaktor der Technischen Universität Musashi, welcher zwar lediglich eine Leistung von 100 Kilowatt hat, aber bei dem auch immer wieder Strahlungslecks auftreten. Laut den Berechnungen, die man am Schreibtisch durchführt, können die Kosten für die Reparatur 2 Mrd. Yen, für die Stilllegung aber 6 Mrd. Yen betragen. Selbst wenn man eine Summe einsetzt, die dem Jahresetat der Universität entspricht, ist die Reaktorstilllegung nicht möglich. Zuerst stoppt man den Reaktor und dann muss man ihn nur noch überwachen, bis die Radioaktivität abgeklungen ist.

Ganz und gar nicht machbar ist das mithin bei einem großen Reaktor, der über eine Leistung von 1 Mio. Kilowatt verfügt.

 

17. Versiegelung und anschließende Kontrolle und Verwaltung

Warum ist es nicht möglich, Kernkraftwerke stillzulegen und zu demontieren? Das ist so, weil sie mit Wasser und Wasserdampf betrieben werden. Stoppt man sie und lässt alles so, wie es ist, dann sind sie in kürzester Zeit verrostet, Lecks entstehen und Radioaktivität tritt aus. Wenn man ein Kraftwerk, in welchem atomarer Brennstoff Verwendung findet, erst einmal in Betrieb nimmt, dann wird es radioaktiv verunreinigt, und auch wenn man es stoppt, ist seine Stilllegung und Demontage dadurch unmöglich geworden.

In den fortgeschrittenen Industrieländern gibt es zahlreiche versiegelte Atomkraftwerke. Da Stilllegung und Demontage nicht möglich sind, wurden sie alle „versiegelt“. Versiegeln bedeutet, dass die Stromproduktion eingestellt wurde und man die Brennstäbe entfernt hat, dann aber wird es kritisch.

Kernkraftwerke, die radioaktiv verunreinigt wurden, müssen genauso wie in der Zeit, in der sie Strom produzierten, Wasser beziehen und weiterlaufen. Durch den Druck des Wassers werden die Wände der Rohre dünner und da der Zustand der Baukomponenten immer schlechter wird, muss man dafür Sorge tragen, dass keine Radioaktivität nach außen tritt. Deshalb nimmt man auch regelmäßige Wartungen und Ausbesserungen schlechter Stellen vor. Bis die Radioaktivität abgeklungen ist, muss man Atomkraftwerke genauso wie während der Zeit, in der sie Strom produzierten, kontrollieren und verwalten.

Gegenwärtig gibt es auf dem japanischen Archipel insgesamt 54 Reaktoren. Davon sind 51 in Betrieb und 3 befinden sich im Bau. Unter den oben erwähnten, sich in Betrieb befindenden Reaktoren sind zudem einige außerordentlich gefährliche. Da es weiterhin Reaktoren für Forschungszwecke an Universitäten und in Firmen gibt, zählt Japan heute, große mit einer Leistung von 1.350.000 Kilowatt und kleine mit 100 Kilowatt Leistung zusammengenommen, 76 Reaktoren.

Aber ob die japanischen Stromkonzerne versiegelte Kernkraftwerke, die weder Strom produzieren noch Geld bringen, ernsthaft kontrollieren, ist äußerst fragwürdig. Und das, obwohl sie Standorte verlegen und die Reaktorzahl erhöhen wollen. Darunter befinden sich das Atomkraftwerk Hamaoka, welches auf Grund eines möglichen Erdbebens in der Tōkai-Region Sorgen bereitet und das auf fünf Reaktoren ausgebaut werden soll, und das Kernkraftwerk Fukushima, welches auf der Stelle eines Fußplatzes erweitert werden soll. Als Neubauten sind recht viele geplant, z.B. in Makimachi in der Präfektur Niigata, Ashihama in der Präfektur Mie, Kaminoseki in der Präfektur Yamaguchi, Suzushi in der Präfektur Ishikawa sowie Ōma und Higashidōri in der Präfektur Aomori. Sie möchten im Jahre 2010 also auf 70 bis 80 Reaktoren kommen. Es klingt nicht besonders fein, aber man muss annehmen, dass dieses Land verrückt geworden ist.

Dies und das Versiegeln der bisher fertiggestellten Kraftwerke wird uns von nun an gewiss wirklich äußerst ernsthafte Probleme bereiten. In näherer Zukunft werden überall in Japan versiegelte Atomkraftwerke zu sehen sein. Sie sind dermaßen unsicher, dass es einem graust. Bin ich der einzige, der einen Mucks macht?

 

18. Radioaktiver Abfall, der nicht entsorgt werden kann

Wenn ein Atomkraftwerk in Betrieb ist, produziert es täglich radioaktiven Abfall. Schwachradioaktiver Abfall[3] wird zwar als „schwachradioaktiv“ bezeichnet, aber wenn man sich 5 Stunden lang bei den Fässern aufhält, in denen er gelagert wird, ist man einer tödlichen Strahlendosis ausgesetzt. Von diesen Fässern haben sich aus allen Kernkraftwerken im ganzen Land schon mehr als 800.000 angesammelt.

Als Japan 1969 [sic!] die Atomkraft einführte, wurden die radioaktiven Abfälle in allen Atomkraftwerken in Metallfässer gefüllt und im nahen Meer versenkt. Zu dieser Zeit war das selbstverständlich. Als ich im Kernkraftwerk Tōkai in der Präfektur Ibaraki war, hat ein Unternehmer die Fässer mit LKW transportieren und auf ein Schiff verladen lassen und im Meer bei Chiba abgeworfen.

Meine Überzeugung, dass Atomkraft etwas Falsches ist, rührt daher. Ich begann zu denken, was wohl mit dem radioaktiven Müll in den Fässern passiert, wenn sie nach einem Jahr verrosten und was dann wohl mit den Fischen geschieht.

Heutzutage wird der Abfall der Atomkraftwerke nach Rokkasho-mura[4] in der Präfektur Aomori gebracht. Es heißt zwar, dass die 300.000 Fässer dort 300 Jahre lang überwacht werden müssen, aber die Frage ist, ob denn die Fässer nach 300 Jahren überhaupt noch da sein werden oder ob der Abfallunternehmer sie überhaupt 300 Jahre lang überwachen wird? Was würde dann passieren?

Und nun zu hochradioaktivem Abfall[5]: Das ist der radioaktive Abfall, der übrig bleibt, nachdem man das Plutonium aus dem ausgebrannten Brennstoff herausgelöst hat. Japan hat englische und französische Unternehmen mit der Wiederaufbereitung beauftragt. Letztes Jahr (1995) wurden aus Frankreich 28 Fässer mit radioaktivem Abfall zurückgeschickt. Dieser schlammige hochradioaktive Abfall wurde mit Glas verfestigt und in Metallbehälter gefüllt. Wenn man 2 Minuten neben diesen Behältern steht, bekommt man eine tödliche Strahlendosis ab. Der Plan besagt, dass diese Behälter, die vorübergehend in Rokkasho-mura gelagert werden, etwa 30 bis 50 Jahre weitergekühlt werden sollen. Danach sollen sie an einen anderen Ort gebracht werden, wo sie tief in der Erde vergraben werden, nur auf den Ort wurde sich noch überhaupt nicht geeinigt. Dieser soll dann zwar in einem anderen Land liegen, aber in Wirklichkeit gibt es kein Land, das diesen hochradioaktiven Abfall beseitigen kann. Wir stecken alle in Schwierigkeiten.

Die Regierung äußert unbekümmert, dass ein Atomkraftwerk innerhalb von 5 oder 10 Jahren stillgelegt, zerlegt, in Behälter gefüllt und diese dann auf dem Gelände des Atomkraftwerks vergraben werden sollen, aber dann entstehen trotzdem mehrere zehntausend Tonnen radioaktiv verseuchter Müll. Was sollen wir nur machen, wo wir doch schon keinen Platz haben, um den Müll des Alltags zu lagern? Jedenfalls ist erkennbar, dass ganz Japan mit radioaktivem Müll überfüllt ist. Sollte man jetzt nicht so schnell wie möglich etwas unternehmen? Wir sollten die Kernkraftwerke lieber früher als später stilllegen.

Als ich vor 5 Jahren auf Hokkaidō bei einer Rede sagte, dass radioaktiver Müll 50 bis 300 Jahre überwacht werden müsse, erhob sich ein Mädchen aus der Mittelschule und schrie heraus: „Eine Frage: Sie haben gesagt, dass der jetzige Müll 50-300 Jahre überwacht werden müsse, aber machen das etwa die Erwachsenen von heute? Wohl kaum, oder? Machen wird das die nächste, meine Generation, und die Generation danach, oder? Aber wir wollen das nicht!“ Gibt es einen Erwachsenen, der diesem Mädchen antworten kann?

Wenn man von 50-300 Jahren redet, hört es sich so an, als wäre es nicht so schlimm, wenn die Zeit dann vergangen ist, aber so ist es nicht. Solange die Atomkraftwerke laufen, werden es bis in alle Ewigkeit weitere 50-300 Jahre sein.

 

19. Strahlenbelastung der Anwohner und deren schreckliche Diskriminierung

Uns wurde schon seit mehreren Dekaden die Lüge erzählt, dass japanische Atomkraftwerke überhaupt keine Strahlung abgeben. Aber man hört nicht auf, uns diese Lüge aufzutischen.

Aus den hohen Abgastürmen der Kernkraftwerke tritt Strahlung aus. Sie tritt nicht nur aus, sondern wird regelrecht von dort ausgestoßen. Weil dort 24 Stunden am Tag Strahlung ausgestoßen wird, werden die Einwohner im Umkreis von morgens bis abends mit Strahlung überschüttet, verstrahlt.

Ich habe einen Brief von einer jungen Frau bekommen. Sie ist 23 Jahre alt. Ihr Brief war von Tränen verwischt. Sie schrieb mir: „Ich hatte eine Anstellung in Tōkyō gefunden und mich verliebt, wir hatten uns entschieden zu heiraten und hatten uns auch schon verlobt. Aber plötzlich hat mein Partner die Verlobung gelöst. Er sagte, an mir ist nichts verkehrt und er würde eigentlich mit mir zusammen sein wollen. Aber seine Eltern hätten ihm erzählt, dass ich mehr als 10 Jahre in Tsuruga in der Präfektur Fukui gelebt habe. In der Umgebung eines Kernkraftwerks ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Kinder mit Leukämie zur Welt kommen. Und da sie es nicht ertragen würden, ein Enkelkind mit Leukämie zu haben, solle er die Verlobung trennen. Habe ich denn irgendetwas Schlechtes getan?“ Welche Schuld hat diese junge Frau denn auf sich geladen? Solche Geschichten ereignen sich überall.

Das ist keine Geschichte aus einem Atomkraftwerk, das ist eine Geschichte, die sich in Tōkyō zugetragen hat! Würden Sie sich von Herzen über eine Hochzeit zwischen Ihrem eigenen Sohn und der Tochter eines Mannes freuen können, der in einem Atomkraftwerk gearbeitet hat, einem Mädchen wie in dieser Geschichte, die in der Nähe eines Kernkraftwerks aufgewachsen ist? Auch wenn es ein junger Erwachsener ist, der vielleicht so einen Menschen liebt, ist es keinesfalls eine fremde Angelegenheit. Solch ein Gerede über Diskriminierung wird, wenn man es ausspricht, zu Diskriminierung. Aber wenn man nicht darüber redet, würde es niemand wissen. Ich wünsche mir, dass die Menschen, die gegen Atomkraft sind, nicht nur sagen, dass sie Angst vor Pannen und Unfällen in Atomkraftwerken haben, sondern dass Atomkraftwerke, auch weil solche Dinge geschehen, schlecht sind. Kernkraftwerke haben nicht nur etwas mit Unfällen zu tun, sie machen auch die Herzen der Menschen kaputt.

 

20. Ist es überhaupt in Ordnung, wenn ich Kinder zur Welt bringe? Auch wenn ich sonst keinen Strom hätte, würde ich Atomkraftwerke ablehnen!

Zum Schluss möchte ich eine Geschichte von einem Vortrag vor dem Lehrerverband auf Hokkaidō in der Stadt Kyōsa in der Nähe des Atomkraftwerks Tomari erzählen, die mir einen schweren Schock versetzt hat. Wo immer ich auch hingehe, diese Geschichte erzähle ich jedes Mal. Wenn Sie die anderen Geschichten alle vergessen, wäre das in Ordnung, solange Sie sich bitte an diese erinnern.

Diese Vortragsveranstaltung war zwar am Abend, aber Lehrer und Eltern waren zu gleichen Teilen anwesend und es waren ungefähr 300 Menschen gekommen. Darunter befanden sich auch Mittel- und Oberschüler. Da die Atomkraftwerke kein Problem der jetzigen Erwachsenen, sondern der  Kinder von heute sind, waren sie zum Vortragsabend gekommen.

Als ich meine Rede beendet hatte und mich erkundigte, ob jemand Fragen hätte, hob ein Mädchen aus der 8. Klasse unter Tränen ihre Hand und sagte Folgendes:

Die Erwachsenen, die sich heute hier in dieser Halle versammelt haben, sind allesamt absolute Lügner! Ich bin hergekommen, um ihnen ins Gesicht zu sehen. Um zu sehen, was für Gesichter sie machen. Die Erwachsenen von heute, vor allem die, die hier sind, behaupten, sie würden bei allen Dingen, zum Beispiel dem Pestizid-Problem, dem Golfplatz oder dem Atomkraftwerk für die Kinder aktiv werden, aber ihre Aktivität ist nur zum Schein. Ich wohne in Kyōsa, ganz in der Nähe des Atomkraftwerks Tomari und ich bin 24 Stunden am Tag der Strahlung ausgesetzt. In einem Buch habe ich gelesen, dass in England in der Gegend des Atomkraftwerks Sellafield die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass die Kinder mit Leukämie geboren werden. Ich bin auch ein Mädchen. Wenn ich alt genug bin, werde ich wahrscheinlich heiraten. Ist es denn überhaupt in Ordnung, wenn ich Kinder bekomme?“, fragte sie unter Tränen vor 300 Erwachsenen. Aber niemand gab ihr eine Antwort.

„Wenn Atomkraftwerke doch so etwas Schlimmes sind, warum habt ihr euch dann nicht von Anfang an dagegen gewehrt? Und von den Erwachsenen hier hat erst recht keiner etwas dagegen unternommen, dass ein zweiter Reaktor gebaut wird, oder? Für mich ginge es auch ohne Strom, ich will keine Atomkraftwerke!“ Das war gerade zu der Zeit, als der zweite Reaktor von Tomari in die Probephase eintrat.

„Ich verstehe nicht, warum ihr jetzt so eine Versammlung einberufen habt. Wäre ich erwachsen und hätte Kinder, dann hätte ich verzweifelt und mit all meiner Macht versucht, das Atomkraftwerk zu schließen“, sagte sie.

„Ich möchte nicht der doppelten Strahlung von jetzt ausgesetzt sein. Aber ich will auch nicht von Hokkaidō fliehen!“,  klagte sie unter Tränen.

Ich fragte sie: „Hast du schon einmal mit deiner Mutter oder deinen Lehrern über diesen Kummer gesprochen?“, und sie sagte: „Meine Lehrer und meine Mutter sind hier in dieser Versammlungshalle. Aber ich habe nicht mit ihnen darüber geredet. Die Mädchen, die genauso denken wie ich, erzählen alle dieselbe Geschichte. Sie können nicht heiraten und auch keine Kinder bekommen.“

Auch die Klassenlehrer wussten überhaupt nicht, dass ihre jetzigen Schüler solchen Kummer mit sich herumtragen.

Das ist absolut kein Problem aus der Atomkraft-Sicherheitszone von 8 oder 10km, sondern etwas, das im Umkreis von 50 bis 100km geschehen ist. Ich wünsche mir, dass Sie niemals vergessen, dass unsere Mittel- und Oberschüler solche Sorgen haben.

 

21. Solange es Atomkraft gibt, sind wir nicht sicher

Ich denke, nun haben Sie durch meine Geschichten verstanden, was Atomkraftwerke wirklich sind.

Ich glaube, als sich in Tschernobyl der große Atomzwischenfall ereignete, gab es viele Menschen, die sich dachten, dass Atomkraft etwas Schreckliches sei. Vor allem gibt es wohl in den Großstädten viele Menschen, die sich, da sie weit von den Atomkraftwerken entfernt wohnten und deshalb immer nur wenig Angst hatten, denken, dass wir, wenn wir die Kernkraftwerke schließen würden, keinen Strom mehr hätten und Probleme bekommen würden.

Aber dies ist das Resultat von Propaganda, die der Staat und die Energieunternehmen mit viel Geld finanzierten, wie: „Kernenergie ist die friedliche Nutzung der Atomtechnologie“, „In Japans Atomkraftwerken wird es zu keinerlei Unfällen kommen. Sie können sich beruhigen, weil sie sicher sind“ oder „Da Japan keine Bodenschätze hat, ist Kernenergie absolut notwendig“. Wie beim Monju-Zwischenfall wird die Wahrheit ständig vertuscht.

Atomkraftwerke produzieren in der Tat Strom. Aber in 20 Jahren habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen und mit meinem eigenen Körper erfahren, dass ein Kernkraftwerk überhaupt nicht funktionieren kann, ohne dass die Menschen, die dort arbeiten, verstrahlt werden. Darüber hinaus wurden zu der Zeit, in der die Atomkraftwerke gebaut wurden, die Menschen in den betreffenden Gebieten in Unterstützer und Gegner geteilt und ihre Herzen wurden in Stücke gerissen. Wenn das Kernkraftwerk gebaut ist, dann ist es eben da, die Leute werden verstrahlt und leiden unter der Diskriminierung, die sie erfahren, obwohl sie doch nichts verbrochen haben.

Sie alle wissen, dass es schrecklich ist, wenn es in einem Atomkraftwerk zu einem Zwischenfall kommt. Wäre es deshalb nicht gut, wenn es gar nicht erst zu Zwischenfällen kommen würde? Was ist denn überhaupt friedliche Nutzung? So etwas gibt es doch gar nicht, oder? Wie in meinen Geschichten ist es doch eigentlich keine friedliche Nutzung der Atomkraft, solange Arbeiter verstrahlt werden und sterben und die Menschen in den Gebieten leiden. Sicherheit und Sorgenfreiheit sehen anders aus. Solange es Atomkraft gibt, kann man nicht sicher sein.

Auch wenn wir uns ansehen, wie heutzutage Strom erzeugt wird, mit dem radioaktiven Müll, den man zehntausende Jahre lang beaufsichtigen muss, ist es trotzdem so, dass wir immer mehr Strom und Erdöl brauchen. Es ist sicher, dass wir in Zukunft mehr Energie brauchen werden, als wir heute produzieren. Die Beaufsichtigung des radioaktiven Abfalls und der versiegelten Atomkraftwerke ist die Aufgabe unserer Enkel.

Warum wird gesagt, dass die Atomkraftwerke die friedliche Nutzung der Atomkraft seien? Ich wiederhole mich, aber die Kernkraftwerke sind ganz sicher keine friedliche Nutzungsmöglichkeit der Atomkraft.

Deshalb habe ich eine Bitte: Ich möchte, dass Sie morgen in die Gesichter Ihrer Kinder und Enkelkinder sehen. Ist es wirklich in Ordnung, dass allein Japan mehr und mehr Atomkraftwerke baut? Ich möchte, dass Sie darüber Bescheid wissen, dass sie nicht nur durch Unfälle, sondern auch durch Erdbeben zerstört werden und so nicht wieder gut zu machende Schäden entstehen können.

Aus diesem Grund handle ich in der Überzeugung, dass es nicht noch mehr Atomkraftwerke geben darf und man unbedingt gegen den Bau neuer Atomkraftwerke sein sollte. Auch die sich im Betrieb befindlichen Kernkraftwerke müssen nach und nach  geschlossen werden.

Denn solange es Atomkraftwerke gibt, kann es in der Welt keinen wirklichen Frieden geben.

Hinterlassen wir unseren Kindern eine schöne Welt!


 

Über den Autor:

Hirai Norio (1939-1997, verstorben an Krebs).

Er war ein erstklassiger Ingenieur im Bereich des Rohrverlegens in Fabrikanlagen,  Berater der Bürgerversammlung zur Untersuchung von Atomkraftwerk-Unfällen, Leiter des Hilfszentrums für bei Arbeiten in Kernkraftwerken verstrahlte Arbeiter, Nebenkläger im Prozess zur Stilllegung des Atomkraftwerks Shiga der Hokuriku Electric Company in der Präfektur Ishikawa, Nebenkläger im Prozess zur Stilllegung des Kernkraftwerks Onagawa der Tōhoku Electric Company und Kläger im Verfahren zur Stilllegung des Reaktors 3 des Atomkraftwerks Fukushima II.

Da das Hilfszentrum für bei Arbeiten in Kernkraftwerken verstrahlte Arbeiter für Hirai keinen Nachfolger fand, wurde es geschlossen.


 

 Zur Übersetzung des Textes „Ich möchte, dass die Leute erfahren, was Atomkraftwerke sind“ von Hirai Norio (Steffi Richter)

Obwohl der folgende Text seit Jahren im Netz zu finden war und dort auch kommentiert, diskutiert sowie als „zu emotional“, „voller Übertreibungen, ja Unwahrheiten“ etc. angefochten wurde, stand er bis zum 11. März 2011 nicht im Fokus einer breiteren Debatte. Nach den Havarien in Fukushima 1 jedoch erhielten er und sein Autor immer mehr Aufmerksamkeit – auch über Japan hinaus (mittlerweile liegen auch mindestens zwei englische Übersetzungen vor: http://independent.academia.edu/YasuoAkai/Papers/678874/Norio_Hirai_I_Want_You_to_Know_What_a_Nuclear_Power_Plant_Is_ und http://www.facebook.com/note.php?note_id=122692927808800&comments ).

Abgeglichen werden kann der Text übrigens auch mit einer Reihe von Youtube-Sequenzen, die Hirai Norio als Vortragenden und Diskutanten auf verschiedenen öffentlichen Veranstaltungen zeigen, wo er zentrale Aussagen der hier übersetzten schriftlichen Ausführungen mündlich darlegt:

(vgl.  http://www.youtube.com/watch?v=0x1AQ5HRu0o&feature=related , Teil 1 von insgesamt 10 Sequenzen des Vortrags „Verborgene Wahrheit. Darum sind AKW in Japan gefährlich“; diesen hielt Hirai am 12. Oktober 1996, wenige Monate vor seinem Tod, an der Itō-Juku, einer 1995 von Itō Makoto (u.a. Verfassungsrechtler und Mitakteur im „Magazine9“ http://magazine9.jp/ ) zur „Heranbildung wahrer Juristen und Verwaltungsbeamter“ gegründeten Privatschule; folgender Link führt auf den gesamten, von der Itō-Juku aufgezeichneten Vortrag, der aber offensichtlich (derzeit) nicht aktiviert werden kann: http://bb.itojuku.net/iclass/open/103.jsp?p_dclsid=00005590&p_dboxid=00000183 ).

Für eine Aufnahme der Ausführungen hier in die "Textinitiative Fukushima" sprechen wenigstens drei Gründe:

Erstens bestätigen nicht nur andere AKW-Gegner mit ihren zu Papier oder zu Gehör gebrachten Erfahrungen einen Großteil der Ausführungen von Hirai, sondern auch die Ereignisse seit dem 11.3. und die (verfälschenden oder Nicht-)Reaktionen der Verantwortlichen darauf.

Zweitens ist der Text aus der Perspektive des Umgangs mit Kritik an der AKW-Politik (nicht nur in Japan) in den Mainstream- und den sog. Neuen Medien interessant: Ignoranz in ersteren trägt dazu bei, dass es nur schwerlich zu einer sachlichen Auseinandersetzung über aufgezeigte Mängel und Vorwürfe kommt, stattdessen in letzteren entweder Mitgefühl mit Hirai oder aber pauschale Ablehnung vorherrschen.

Das führt zu einem dritten Aspekt, warum es Sinn macht, sich mit Äußerungen wie denen von Hirai (aber auch von Kamanaka, Hirose, Koide u.a. Anti-AKW-Akteuren) zu befassen: Sie blieben in dem hängen, was Mishima Kenichi in DIE ZEIT vom 7. Mai 2011 („Des Pudels Kern“) als „Kryptoöffentlichkeit“ bezeichnet hat: „Trotz ihrer Verbreitung haftet seinen Büchern [gemeint ist hier der international bekannte Atomphysiker Takagi Jinzaburō; S.R.] der Charakter eines Samisdats an. Eine Wirkung, wie sie Holger Strohm mit seinem Buch Friedlich in die Katastrophe (1973) erzielen konnte, hat er nicht erreichen können. Der Effekt war hier in Japan die Bildung einer Art Anti-Club. Die Mitglieder treffen sich und feiern im Schulterschluss gegenseitig ihre Anti-Mentalität. Diesem Club steht ein gewaltiges Konglomerat von Atomindustrie, Wissenschaft, Politik und Gewerkschaft gegenüber. Das Konglomerat nennt sich kokett Atomdorf. Der Club der Gegner hat gegen das Dorf keine Chance. Während sowohl Holger Strohm als auch Klaus Traube mit dem Verdienstorden beziehungsweise dem Bundesverdienstkreuz geehrt wurden, denkt unser Staat nicht daran, die ewigen Protestler, unangenehme Sandkörner im Getriebe, mit Orden zu ehren. Sie sind für den Staat bedauerliche, entgleiste Existenzen.“ (http://pdf.zeit.de/2011/19/Japan.pdf ). Sie als Panikmacher oder Verschwörungstheoretiker ins Abseits zu stellen, gehört zu den sozialen und psychologischen Techniken, die einhergehend mit der „autoritären Kerntechnik“ entwickelt werden: „von der heimlichen Verführung zur »Akzeptanz«der Kernkraft bis hin zum offenen Angriff auf Nervensystem und Gehirn reicht eine ganze Skala der Interventionen im Dienste der »Vernunft«. Man schreckt nicht vor der Diffamierung der Gegner zurück, die als »irrational« und »geistig unzurechnungsfähig« bezeichnet werden.“ (Robert Jungk: Der Atomstaat, S. 171). Jungk konzentriert sich gemäß dem Thema seines Buches vor allem auf die Exekutive, die zu solchen Mitteln greift. Die ambivalente Rolle der – vor allem Neuen – Medien bleibt noch in aller Detailliertheit und von Fall zu Fall zu analysieren – zeigt doch der Text von Hirai, dass wir ohne Internet nichts oder kaum etwas von ihm wüssten, dass aber zugleich auch hier die Diffamierungen stattfinden. Was auf die Dringlichkeit verweist, die durch die „Öffentlichkeitsarbeit“ von Oligopolen wie Tepco stattgefundenen „Entmachtung der Öffentlichkeit“ nicht nur analytisch-wissenschaftlich aufzuarbeiten; vielmehr bedarf es „eines mühsamen und langwierigen Prozesses, in dem die entmachtete Öffentlichkeit ihre potenzielle kommunikative Macht zurückgewinnt und sich auf diverse Weisen artikuliert.“ (Mishima) – und zwar auch auf Protestdemonstrationen (vgl. das Karatani-Interview vom 17. Juni 2011, auf Deutsch veröffentlicht auf dieser Homepage) und/oder durch den „Ausstieg aus Lebensstilen“, die durch die Atomindustrie propagiert und fundiert wurden (vgl. das Interview mit Matsumoto Hajime "Wir sind stinksauer!...“, ebenfalls nachlesbar auf dieser Homepage).


[1] Eine Behörde, die von 1956 bis 2001 existierte.

[2] Wahrscheinlich ein Vorläufer der 2001 gegründeten NISA, also der Japanischen Atomaufsichtsbehörde.

[3] Auch LLW (Low Level Waste): Benötigt keine Abschirmung oder Kühlung beim Transport wegen geringer Radioaktivität und Nachzerfallswärme.

[4] Ort in der Präfektur Aomori. Dort befinden sich neben einer oberflächennahen Endlagerstelle für radioaktiven Abfall (1992) eine Urananreicherungsanlage (1992) und eine Wiederaufbereitungsanlage für Brennelemente (2010).

[5] Auch HLW (High Level Waste): Abfälle mit dem höchsten Gehalt an radioaktiven Stoffen, z.B. entladene, ausgebrannte Brennelemente aus dem Kernreaktor, die nicht wiederaufbereitet werden können oder bei der Wiederaufbereitung von Brennelementen anfallende Spaltproduktlösungen, die in Glas eingeschlossen werden und andere radioaktive Abfälle, die noch viel Zerfallswärme erzeugen. Wegen der noch immer hohen Aktivität müssen sie in Abklingbecken unter Kühlung stehen.

Besucher gesamt: 182.275