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Über das AKW Hamaoka, das Wegwerfen von Arbeitern und die Sicherheitsausbildung

29.12.2010 – 14:43 – KAWAKAMI, Takeshi

Original: 浜岡原発、労働者の使い捨てと安全教育について [http://www.janjanblog.com/archives/27477]
übersetzt von Robert Telschig (Leipzig)


Als ich an gleicher Stelle vor kurzem einen Artikel mit dem Titel „AKW-Zigeuner“ veröffentlichte, erreichten mich von vielen Leuten Meinungen und Kommentare. Darunter befanden sich sowohl einige Beiträge, die ein wenig am Thema vorbei gingen, als auch Meinungen, die manche Dinge ein wenig anders sahen und ihre Zweifel ausdrückten. Aber auch Kommentare, bei denen mir der Gedanke kam, ob es sich nicht um jemanden von einem Stromkonzern handeln könnte. Dennoch, dass innerhalb von nur zwei Tagen so viele Kommentare kamen, hat mir gezeigt, dass der Inhalt wohl schockierte und Anklang in den Herzen vieler Menschen fand.

Ich habe mir all diese Kommentare angeschaut. Zwar habe ich überlegt, auf die gestellten Fragen gründlich zu antworten, es aber letztlich nicht gemacht. Auch wenn dies ein wenig faul erscheinen mag, so möchte ich doch diese Ecke des Blogs nutzen und auf einige der Fragen eingehen. Gleich der erste Kommentar hat mich mit folgenden Worten auch am meisten schockiert. „Herr Kawakami, Sie waren sich bewusst, dass das Verhalten des Angestellten der 'Japanese Society for Non-Destructive Inspection' (Nihon Hihakai Kensa, kurz: JSNDI) gefährlich und riskant war. Warum haben Sie das nicht weitergegeben? Für mich ist solch ein Verhalten viel mehr das Problem.“ In der Tat, warum habe ich ihn nicht auf das Risiko seines Verhaltens hingewiesen? Dennoch denke ich, dass die Meinung eines anderen Kommentars ebenfalls logisch klingt: „Es ist unrealistisch, dass ein einfacher Arbeiter so etwas vor Ort sagen kann.“

„AKW-Zigeuner“ war eigentlich ein Artikels, den ich am 26. September diesen Jahres [2010; Anmerkung des Übersetzers] auf meine Homepage gestellt hatte. Da es sich dabei allerdings um eine lange Abhandlung handelte, habe ich sie nicht einfach so übertragen, sondern Einiges ausgelassen. Ursprünglich lautete ein Abschnitt wie folgt: „[...] ich [war] mir damals sicher, dass sich viel von der unsichtbaren, radioaktiven Strahlung einfach ins Gesicht dieses Angestellten der JSNDI einbrannte, als er mir […] alles erklärte und sein Gesicht dabei so nah an den Schacht herankam. Er war zwar älter als ich, aber ich habe mich beim Schreiben dieser Zeilen immer wieder gefragt, ob er denn heute noch lebt. Mag es an auch unserer Ignoranz liegen, sich ohne Schutz in der Nähe eines Reaktorkerns aufzuhalten, so ist doch wohl auch die Haltung der Stromkonzerne, ihre Angestellten nicht über die Schrecken von Strahlung aufzuklären, ein großes Problem“

Ich hatte also den Teil „ Mag es an auch unserer Ignoranz liegen, sich ohne Schutz in der Nähe eines Reaktorkerns aufzuhalten, so ist doch wohl auch die Haltung der Stromkonzerne, ihre Angestellten nicht über die Schrecken von Strahlung aufzuklären, ein großes Problem“ weggelassen und es so online gestellt. Anders als heute war ich damals wirklich ignorant. Nur vage dachte ich darüber nach, dass Strahlung etwas Gefährliches ist, doch Kenntnisse darüber, wie gefährlich es ist, daran mangelte es mir von Grund auf. Der Gedanke, dass die Wahrscheinlichkeit des Ausbruchs von Krebs oder Leukämie durch die fortgesetzte Strahlungsaussetzung ansteigen würde, kam mir nicht. Ich war mir lediglich dessen bewusst, dass Strahlung nicht gut für den Körper ist.

Und wovor fürchteten wir uns dann genau? Viele der AKW-Arbeiter, mich eingeschlossen, fürchteten, dass sich auf ihrer Haut nach einer einmaligen, großen Dosis von hoher Radioaktivität Keloid1 entwickeln würde. Außerdem fürchteten wir einen Tod, der dem der Atombombenopfer ähnelt. In letzter Zeit wird viel über die Bedrohungen von geringer radioaktiver Strahlung oder innerer Strahlenbelastung gesprochen. Damals aber war vielmehr die vollkommen aus der Luft gegriffene Ansicht im Umlauf, dass es gut für den Körper sei, einer geringen Strahlendosis ausgesetzt zu sein. Auch heute scheint es noch Menschen zu geben, die dieser abergläubischen und falschen Geschichte Glauben schenken.

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Ich war Schweißer, weshalb es größtenteils Auswechselungen an Rohrinstallationen bei Inspektionsarbeiten oder dem Bau von Anlagen waren, mit denen ich während meiner fast zehnjährigen AKW-Arbeit in meinen Dreißigern zu tun hatte. Ich bin zum Bau von Anlagen oder Inspektionsarbeiten häufig von einer Gegend in eine andere gezogen. Im Rahmen der Inspektionen stellten Schweißarbeiten innerhalb von Abschnitten, die wegen radioaktiver Strahlung nur beschränkt begehbar waren, die Normalität dar. Da ich, wie in „AKW-Zigeuner“ erwähnt, mitunter auch in diese hoch radioaktiv belasteten Abschnitte hinein musste, besaß ich als AKW-Arbeiter ein „Strahlenbuch“. Ich verfüge deshalb auch noch über exakte Aufzeichnungen darüber, dass ich vor ungefähr 30 Jahren im AKW Genkai auf Kyūshū einer hohen Strahlung ausgesetzt war. Selbst wenn man dieses „Strahlenbuch“ verlieren sollte, dann sind die Strahlendaten aller AKW-Arbeiter bei der Stiftung „Radiation Effects Association“ (Zaidan Hōjin, Hōshasen Eikyō Kyōkai) in Tōkyō aufbewahrt.

Dass ich damals in gerade einmal 15 Sekunden einer hohen Strahlendosis von 180 Millirem ausgesetzt war, ist ein zweifelsfreier Fakt. Jemand kommentierte: „Ich denke, dass die heutigen Ansätze in Bezug auf Strahlung im Vergleich zu Ihrer Zeit, Herr Kawakami, Fortschritte gemacht haben.“ Ich selbst bin allerdings der Ansicht, dass sich seit damals nicht das Geringste verändert hat. Selbst heute wird es wohl noch Arbeiter geben, die zu solch einer Arbeit genötigt werden, und auch am Bewusstsein der Kraftwerksbetreiber gegenüber den Arbeitern als etwas, das „benutzt und weggeworfen wird“ hat sich nichts geändert.

Solange es keine Klagen von denen inmitten des Geschehens gibt, werden die nicht aufgeklärten Ungerechtigkeiten in diesen Höllenlöchern bestehen bleiben. Seit langem schon wird im AKW Hamaoka lebhaft gemunkelt, dass es Leiharbeiter seien, die bei Inspektionen ohne Alarmdosimeter – gleichsam ihr eigenes Leben – in die hoch radioaktiven Abschnitte geschickt werden. Was aber, wenn diese Alarmdosimeter (deren Mitnahme innerhalb des beaufsichtigten Bereichs gesetzlich strikt vorgesehen ist) losgelöst von den Körpern der Arbeiter an einem Ort frei von Strahlung verwahrt sind, und sich allein der Körper in die hoch radioaktiven Abschnitte begeben? In dem Fall gibt es keine Beweise, dass es Arbeiten mit hoher Strahlenbelastung waren, und man kann die damit betrauten Arbeiter beliebig oft in diesen Tätigkeiten einsetzen.

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Im August 2003 begann ich im Atomkraftwerk Hamaoka in der Stadt Omaezaki zu arbeiten. Ob Angestellter bei Chūden2 oder Leiharbeiter – wie ich selbst –, will man in einem Kernkraftwerk arbeiten, so muss man zwangsläufig an einer Sicherheitsausbildung teilnehmen. Ich erinnere mich, in der Vergangenheit unzählige Male daran teilgenommen zu haben, und natürlich habe ich sie im AKW Hamaoka ebenfalls besucht. In diesen Sicherheitsausbildungen aber wurde uns überhaupt nicht erklärt, dass Radioaktivität eine Gefahr darstellt. Erzählt wurde nur, dass – selbst auf einem Arbeitsplatz, auf dem man der Radioaktivität ausgesetzt ist – wir ruhig bleiben und weiter arbeiten sollten, da es sich sowieso nur um ein Maß handele, dass keinen Einfluss auf den menschlichen Körper habe.

Diese Unterweisungen dauern insgesamt einen Tag, vormittags und nachmittags zusammen fünf Stunden. Der Inhalt ist langweilig, weshalb es auch Leute gibt, die einnicken, aber der Unterricht wird ohne Pause fortgesetzt. Im AKW Hamaoka wird die Sicherheitsausbildung von Verantwortlichen des Betreibers Chūden Denryoku abgehalten, die jedoch die Eingeschlafenen mit keinem Wort ermahnen. Wichtig ist einzig, dass die Unterrichtung stattgefunden hat, ob die Teilnehmer nun zugehört haben oder eben nicht, spielt keine Rolle. Außerdem ist es den Leuten von den Subfirmen verboten, während der Veranstaltung irgendetwas von sich aus hinzuzufügen, weshalb sie einfach nur schweigend zuhören.

Über die Gefährlichkeit von Radioaktivität wurden wir nicht aufgeklärt, dafür aber hat man uns eingebläut, dass die oppositionellen Gruppen so manches erzählen, dies aber alles Lügen seien und wir nicht darauf hören sollen. Die AKWs seien absolut sicher, wurde uns wieder und wieder das Gehirn gewaschen, und dann ging es ab in den Ort des Geschehens, doch scheint mir diese Art und Weise von Sicherheitsausbildung höchst problematisch.


Kawakami Takeshi hat viele Jahre lang als Schweißer, vor allem im Rahmen von Inspektionsarbeiten, in einer Vielzahl von Atomkraftwerken in Japan gearbeitet. Er war unter Anderem in den AKW Genkai und Hamaoka tätig. Zur Zeit lebt er in der Stadt Omaezaki, in der Nähe des AKW Hamaoka gelegen. Auf seiner privaten Webseite "Ist mit dem AKW Hamaoka wirklich alles in Ordnung?" [浜岡原発は本当に大丈夫なのか?] veröffentlicht er in unregelmäßigen Abständen Artikel und Meinungen über diese Anlage. Einige dieser Artikel sind inzwischen auch im JANJAN-Blog erschienen, einer zivilgesellschaftlichen Nachrichtenseite „von Bürgern für Bürger“.


1Bei einer Keloid-Erkrankung handelt es sich um die Bildung von tumorartigem Gewebe über dem Hautniveau.

2Chūden ist die umgangssprachliche Bezeichnung für den Stromkonzern Chubu Electric Power oder Chūden Denryoku im Japanischen.

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