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Fragen an Kamanaka Hitomi

Quellen: http://www.magazine9.jp/interv/kamanaka/kamanaka.php (Teil 1); http://www.magazine9.jp/interv/kamanaka/kamanaka2.php (Teil 2)

übersetzt von: Lars Bauer (Universität Leipzig)


Magazine 9 ist ein „Meinungs-Webmagazin“, welches über die Verfassung und aktuelle Gesellschaftsprobleme berichtet und nachdenkt. Am 1.3.2005 wurde das Magazin von einer Vielzahl an interessanten Menschen – darunter Mangaka, Autoren, Universitätsprofessoren, Musiker, Ärzte und viele mehr – unter dem Namen „Magazin Artikel 9“ gegründet. Wie der Name es schon sagt, beschäftigte es sich zu Beginn vor allem mit dem Problem des Artikels 9 der japanischen Verfassung (Verbot von kriegerischen Handlungen und dem Unterhalt von Streitkräften) und dem Ziel der Aufklärung über die angestrebten Verfassungsreformen der LDP. Schnell weiteten sich die Diskussionen vom Artikel 9 auch auf andere Themen wie z.B. Artikel 25 (Recht auf Leben) und allgemeinere Probleme wie Armuts- und Arbeitsprobleme aus. Zusammen mit japanischen Verlagen hat das Magazine 9 auch schon mehrere ihrer beliebten Kolumnen in Buchform veröffentlicht. Seit dem 12.5.2010 wurde das Webmagazin aktualisiert und heißt „Magazine 9“. Es beabsichtigt, direkt mit den Betroffenen der jeweiligen Probleme zu sprechen, ein Problembewusstsein zu schaffen und mit Experten, Forschern und sozial Bewegten zu diskutieren, um eine Plattform zu schaffen, welche als „Kraft zur Umwälzung der Gesellschaft“ dient.

(Quelle: http://www.magazine9.jp/about.php)


Teil I: Den Blick auf die Kernkraft in unserer unmittelbaren Umgebung werfen

Die nukleare Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho in Aomori, welche sich seit 1993 im Bau befindet, soll 2008 ihren regulären Betrieb aufnehmen. Wir führen ein Gespräch mit der Dokumentarfilm-Regisseurin Kamanaka Hitomi, die in ihrem Film „Rokkasho-mura rapusodī” (engl. Titel: Rokkashomura Rhapsody) jene Realität darstellt, der die Menschen der Gemeinde ausgesetzt sind.

Kamanaka Hitomi
Mit dem Universitätsabschluss betrat sie die Welt der Dokumentationsfilme als freie Regieassistentin. Mit Geldern vom japanischen Amt für Kultur weilte sie in einer staatlichen kanadischen Film-Produktionsfirma und war in Amerika tätig. Nach ihrer Rückkehr nach Japan im Jahre 1995 produzierte sie für NHK einige Dokumentationen über Medizin, Wirtschaft und Umwelt. 2003 veröffentlichte sie ihren Dokumentarfilm „Hibakusha – sekai no owari ni“ (engl. Titel: HIBAKUSHA – At the end of the world), 2006 den Film „Rokkasho-mura rapusodī” (engl. Titel: Rokkashomura Rhapsody). Momentan ist sie Assistenzprofessorin an der medienwissenschaftlichen Fakultät der Tokyo University of Technology und setzt ihre Aktivitäten als Filmemacherin fort. Publikationen: Dokyūmentarī no chikara (Die Kraft der Dokumentation) (Co-Autorin) Kodomo no Miraisha 2005; Hibakusha Dokyūmentarī-eiga no genjō kara (HIBAKUSHA-Dokumentarfilme – Vor Ort) KAGESHOBO Publishing Co 2006

Ich wollte einen Film machen, der deutlich unsere eigene Täterschaft in den Blick nimmt

Redaktion:

Der Film „Rokkasho-mura rapusodī” (engl. Titel: Rokkashomura Rhapsody) von Kamanaka Hitomi, der das Problem der Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho-mura in der Präfektur Aomori(*) aufgriff, wird seit der Fertigstellung im letzten Jahr in ganz Japan an verschiedenen Orten gezeigt. Schon 2003 veröffentlichten Sie, Frau Kamanaka, Ihren Film „Hibakusha – sekai no owari ni“ (engl. Titel: HIBAKUSHA – At the end of the world), der den Stand der radioaktiven Verseuchung im Irak, den USA, sowie in Japan verfolgte. Aber wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass Sie sich mit dem Problem von Kernkraft und radioaktiver Strahlung auseinandersetzen?

* Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho – Anlage im Besitz von Japan Nuclear Fuel Limited, um aus verbrauchtem Kernbrennstoff Plutonium zu extrahieren. Extrahiertes Plutonium wird erneut als Brennstoff für Atomstrom genutzt und wird zur Grundlage für den sogenannten „nuklearen Kreislauf“. Doch steht der schnelle Brüter „Monju“, der Plutonium als Brennstoff nutzt, u.a. wegen eines Unfalls still, so dass aus dem Vorhaben der Wiederverwendung bisher nichts geworden ist. Es wird des Weiteren auf hohe Gefahr hingewiesen. So heißt es zum Beispiel, dass die Menge des abgegebenen radioaktiven Materials an einem Tag höher als die Menge eines normalen Atomkraftwerks in einem Jahr sei. Regulärer Betrieb ab 2008 geplant.

Kamanaka Hitomi:

1998 bin ich für Recherchen zu einer NHK-Sendung in den Irak gereist. Dort starben immer wieder Kinder, da es durch die Wirtschaftsblockade nach dem Golfkrieg an Medikamenten mangelte. Zwar war mein Ziel, darüber Informationen zu sammeln, aber während der Recherchen habe ich auch gehört, dass es nicht nur an den mangelnden Medikamenten liegt, sondern dass die Kinder oft an Krebs und Leukämie erkranken und viele behinderte Kinder geboren werden. Ich aber hatte keinerlei Wissen und kein Interesse bezüglich atomarem Material oder radioaktiver Strahlung, weshalb ich zu diesem Zeitpunkt nicht verstand, was das zu bedeuten hatte.

Redaktion:

Wie in Ihrem Film „Hibakusha“ geschildert, ist es ja sehr wahrscheinlich, dass all das durch die Auswirkungen der im Golfkrieg verwendeten abgereicherten Uranmunition(*) auftrat. Wurden Sie damals auf die Gefahren durch abgereicherte Uranmunition hingewiesen?

* abgereicherte Uranmunition – Munition, deren Hauptbestandteil radioaktives abgereichertes Uran ist. Durch Verbrennung vom Impuls eines Einschlags o.Ä. wird ein Aerosol aus Uranoxid in die Atmosphäre verteilt, weshalb man auch von „einer weiteren Kernwaffe“ spricht. 1991 wurde die Munition erstmals vom US-Militär im Golfkrieg verwendet, im Bosnienkrieg seit 1992 und seit 2003 auch im Irakkrieg.

Kamanaka Hitomi:

Es gab im Irak bereits Diskussionen, ob es nicht vielleicht an der abgereicherten Uranmunition liege, jedoch wurde das in keiner handfesten Studie nachgewiesen, und laut Amerika war alles „sicher“. Es sei doch bereits 7 Jahre her, dass die Munition benutzt wurde und die Kinder wohnen doch hunderte Kilometer vom Kriegsschauplatz entfernt, hieß es, ich persönlich war jedoch etwas skeptisch.

Die Fernsehsendung lief dann inhaltlich wie ursprünglich geplant, d.h. „die Kinder sterben wegen der fehlenden Medikamente“. Zwar wurde als Information erwähnt, dass „es Leute gibt, die meinen, das häufige Auftreten von Krebs und anderen Krankheiten seien die Nachwirkungen der Uranmunition“, jedoch teilten sich die Meinungen, ob man nicht 100%ig bestätigte Informationen bringen dürfe… Deshalb war der auf die Verbindung zur Uranmunition anspielende Kommentar allein schon eine enorme Sache.

Redaktion:

Aber danach haben Sie Recherchen mit dem Augenmerk auf die Strahlenverseuchung durch abgereicherte Uranmunition begonnen. Gab es einen Anlass dafür?

Kamanaka Hitomi:

Obwohl die Sendung ausgestrahlt wurde und Millionen Leute sie gesehen haben müssten, hat sich an den Umständen im Irak nichts geändert und es gab keinerlei Einfluss auf die japanische Gesellschaft. Das war für mich ein heftiger Schock. Deshalb blieb mir nichts als mich selbst ärztliche Unterstützung zu kümmern, und ich traf mich mit dem Mediziner Hida Shuntarō, der selbst der Strahlung ausgesetzt war.

Damals hörte ich von Herr Hida den Ausdruck „innere Strahlenbelastung“. Er klärte mich darüber auf, dass der Grund für das häufige Auftreten von Krankheiten bei der irakischen Bevölkerung der ist, dass das radioaktive verstrahlte Aerosol aus der Uranmunition in den Körper eindringt und von innen her das Erbmaterial der Kinder beschädigt.

Als ich das hörte, schien mir mit einem Schlag alles, was ich mit meinem bisherigen Wissen nicht verstehen konnte, klar zu werden, und das war ein gehöriger Schock. Für mich gehörte „Hibaku/Verstrahlung“ der Vergangenheit an, doch gab es sie also auch jetzt, und zudem unter Kindern im Irak. Die NHK-Sendung war an der Oberfläche geblieben: „die Kinder sterben, weil Medikamente fehlen“; ich aber musste etwas anderes schaffen, etwas, das zum Wesen vordringt. Das war der Beginn von meinem Film „Hibakusha“.

Redaktion:

Für „Hibakusha“ haben Sie nicht nur im Irak recherchiert, sondern auch über die Bürger im amerikanischen Hanford, wo sich eine Atomwaffenfabrik befindet, sowie über Japaner, die durch die Atombombe verstrahlt wurden, nicht wahr?

Kamanaka Hitomi:

Die in unserem Alltagsleben verborgene radioaktive Verseuchung zerfrisst allmählich die Körper der Menschen. Auf dieser Ebene gibt es keine Landesgrenzen mehr, keine einfache Beziehung von erlittenem und zugefügtem Unheil. Auch die amerikanischen Soldaten, die in den Irak gingen, wurden doch verstrahlt. In den drei Ländern Irak, Japan und Amerika sind zwar die Ursachen der Verstrahlung verschieden: abgreicherte Uranmunition, Atombombenabwurf, Kernwaffenfabrik; beschreibt man aber die Tatsache, dass es in den drei Ländern Menschen gibt, die die gleiche Erfahrung von „Hibaku/Verstrahlung“ haben, so tritt etwas sehr Universales zutage. Und dieses „Universale“ ist m.E. eben die „innere Verstrahlung“.

 

Redaktion:

Zudem sind ja im zweiten Teil auch Bilder von Rokkasho-mura zu sehen, das zu Ihrem darauffolgenden Werk überleitet.

Kamanaka Hitomi:

Im ersten Stadium der Konzeption von „Hibakusha“ hatte ich nicht vor, Rokkasho-mura bzw. Kernkraftwerke mit einzubeziehen. Doch als ich meine Recherchen fortsetzte, bemerkte ich zudem, dass die Uranmunition, die den Irakern so zusetzt, in Wirklichkeit aus unserem „Müll“ gemacht wird.

Redaktion:

Soll heißen…?

Kamanaka Hitomi:

Japan importiert als Brennstoff für seine AKW angereichertes Uran aus Amerika. Und beim Prozess zur Herstellung von angereichertem Uran fällt erneut Abfall an. Dieser Abfall ist abgereichertes Uran, welches den Hauptbestandteil von Uranmunition bildet. Man kann also sagen, dass die Rechnung dafür, dass Japan so reichlich Energie verbraucht, an den Irak geht. Wenn ich also sage, dass es bei Hibaku/Verstrahlung nicht einfach erlittenes und zugefügtes Unheil gibt, dann heißt das, dass die eigene Schädlichkeit auf diese Weise nach und nach zutage tritt.

Außerdem befinden wir uns selbst in einem Zustand der Denkblockade hinsichtlich solcher Themen wie der Propaganda, die AKW seien sicher, sie seien sauber, weil sie kein CO² ausstoßen; hinsichtlich der Fragen, woher der Strom, den wir benutzen, stammt, und wohin der Müll geht, der dabei entsteht. In diesem Punkt haben wir uns letztlich den USA angeglichen, welche immer zu sagen pflegen „Kernkraft ist notwendig, um den Frieden zu erhalten. Radioaktive Verschmutzung unterhalb dieser Menge ist in Ordnung“.

Das aber konnte ich in „Hibakusha“ noch nicht deutlich zeigen. Deshalb dachte ich, ich müsse als „Hausaufgabe“ einen Film schaffen, der uns selbst gründlich in den Blick nimmt. Das eben ist „Rokkasho-mura rapusodī” (engl. Titel: Rokkashomura Rhapsody).

Die „Widersprüche” der Atomkraft-Industrie als solche darstellen

Redaktion:

Beeindruckend an „Rokkasho-mura rapusodī” war, dass Sie einerseits die Gefahr der Verstrahlung durch die Wiederaufbereitungsanlage dargestellt haben, und andererseits auch ausführlich mit jenen Menschen gesprochen haben, deren Arbeit mit dem Werk verbunden ist, sowie mit Atomkraft befürwortenden Wissenschaftlern. Besonders nachdenklich gestimmt hat so manches in den Aussagen derer, die durch die Anlage Arbeit erhielten, etwa wenn sie meinten „Wäre die Wiederaufbereitungsanlage nicht, dann gäbe es im Dorf gar keine Arbeit und bald keine Menschen mehr.“

Kamanaka Hitomi:

Im Bereich der Kernkraftindustrie gibt es so einige Widersprüche. Zum Beispiel heißt es, sie sei „sicher“, doch wäre sie wirklich sicher, dann könnte man doch auch in Tokyo Kraftwerke erbauen, was nicht geschieht. Statt solcherlei Widersprüche zu bekritteln, wollte ich sie so, wie sie sind, hervortreten lassen. Selbst wenn ich mit dem Gesagten bestimmter Leute nicht einverstanden war, wollte ich das als solches zeigen. Ich meinte, auf diese Weise auch unsere eigene Realität wie in einem Spiegel aufscheinen lassen zu können, eine Realität, die zwischen „Zustimmung“ und „Ablehnung“ hin und her schwankt, in der wir verschiedene Widersprüche leben.

Und obwohl „Rokkasho-mura rapusodī” im Moment an vielen Orten gezeigt wird, haben viele doch den Eindruck „Ich weiß nicht was sie damit aussagen will“. Befürworter der Atomkraft sagen zwar, es sei ein „Anti-Atomkraft-Film“, Atomkraftgegner hingegen meinen, der Film sei „halbherzig“ (lacht).

 

Redaktion:

Sicherlich, weil im Film nicht deutlich gezeigt wird, was gut und was schlecht ist.

Kamanaka Hitomi:

Zum Beispiel läuft es bei Fernsehsendungen so, dass zum Schluss „Antworten“ vorgegeben werden, die Zuschauer also nicht veranlasst werden, über verschiedene Dinge nachzudenken; das Denken wird blockiert. Aber mein Film meidet diese Form, ich habe ihn so gemacht, dass man keine Antwort bekommt, wenn man nicht selbst nachdenkt. Zwar habe ich während der Produktion auch zu hören bekommen, dass ich „es genauer erklären muss, weil das Publikum es sonst nicht versteht“, aber ich habe irgendwie meinen Willen durchgesetzt.

 

Ich denke, die Zuschauer sollten in der Lage sein, die Bilder zu dekodieren und darüber nachzudenken. „Wahrnehmen“ heißt nicht, etwas gesagt bekommen. Entdeckt man nicht selbst, eignet man sich auch nichts an. Mir ging es darum, das von den Protagonisten im Film Gesagte aufzugreifen und mit Phantasie darüber nachzudenken, welche Rolle man selbst in dieser Welt spielt.

Wer „stellt“ sich Ihnen wohl?

Redaktion:

Es scheint ja wohl bei der Recherche über die Befürworter einige Probleme gegeben zu haben. Wie war das?

Kamanaka Hitomi:

Das war echt hart (lacht).

Vor Beginn der Aufnahmen hatte ich Infoblätter verteilt: „Ich möchte ausgeglichen über die der Atomindustrie angehörigen Personen sowie über deren Gegner recherchieren und deren Gedanken hören.“ „Egal aus welcher Bewegung heraus, ich möchte von einem freien Standpunkt heraus produzieren.“ Und nur weil auf den Zetteln auch „Gibt es denn außer der Atomkraft nicht auch andere Möglichkeiten zur Sicherung der Energie?“ stand, wurde ich schon als Gegnerin aufgefasst. Ich wollte damit einfach die Diskussion eröffnen, aber es schien, als bedeute allein die Absicht, über AKW debattieren zu wollen, Gegner der Atomkraft zu sein.

Von Japan Nuclear Fuel Limited(*) konnte ich bis zum Schluss kein Material erhalten. Vor kurzem traf ich mich mit einem Abteilungsleiter der Wiederaufbereitungsanlage. Als ich ihn fragte, ob ich denn diesmal auf Anfrage Material bekäme, antwortete er: „Wenn Sie sagen, dass die Wiederaufbereitungsanlage richtig ist…“ (lacht). Ich sagte ihm, es ginge erst einmal nicht darum, ob die Anlage nun richtig oder falsch sei, problematisch sei vielmehr, das Volk nicht darüber in Kenntnis zu setzen, was diese Wiederaufbereitungsanlage überhaupt sei. „Akzeptieren Sie unsere Ansichten einfach!“ – das geht jedenfalls nicht.

Auch von den Wissenschaftlern, die die Atomkraft befürworten, haben alle, bis auf den einen im Film, meine Anfragen, recherchieren zu dürfen, abgelehnt.

* Japan Nuclear Fuel Limited (Nihon gennen) – Eine durch Investitionen der neun innerstaatlichen Strombetreiber gegründete Aktiengesellschaft zur geschäftlichen Nutzung des sogenannten „nuklearen Kreislaufs“, bei dem aus aufgebrauchtem Kernbrennstoff aus den AKW das Plutonium extrahiert wird, um es erneut als Brennstoff für AKW nutzen zu können. Eigentümer der Wiederaufbereitungsanlage Rokkasho-mura, betreibt unter anderem Uran-Anreicherung, Wiederverwendung von verwendetem Kernbrennstoff und unterirdische Lagerung von schwach radioaktivem Abfall. Brüstet sich damit das großformatigste Unternehmen aus Aomori zu sein.

Redaktion:

Und wie war es mit den Recherchen über die, die in der Anlage selbst arbeiten?

Kamanaka Hitomi:

Ab und zu konnte ich an Treffen von Leuten vor Ort teilnehmen, deren Arbeit etwas mit der Japan Nuclear Fuel Limited zu tun hat. Die, von denen ich eine Visitenkarte erhalten hatte, rief ich nacheinander an, doch mieden sich mich anfangs alle (lacht). Wie oft ich mich auch meldete, stets hieß es, sie seien nicht da.

Deshalb beschloss ich, zunächst meinerseits Informationen öffentlich zugänglich zu machen, stellte aus dem das bisherige Material inhaltlich zusammenfassende Video die Dokumentation „Rokkasho-Mitteilungen“ her und verkaufte sie. Daraufhin meinten die, die es gesehen haben zu mir: „Das sind doch nur Geschichten von AKW-Gegnern“. Also sagte ich unverzüglich „Tja, wenn Sie nicht mit mir reden… “ (lacht), woraufhin sich dann auch ein paar Leute fanden, die bereit waren zu reden.

Es gab dann eine Art Studiengruppe, zu dem die in Subunternehmen für die Wiederaufbereitungsanlage arbeitetenden Mitarbeiter von Japan Nuclear Fuel Limited einluden. Ungefähr ein halbes Jahr lang habe ich diese Treffen immer ohne Kamera besucht. Dabei freundete ich mich mit den Teilnehmern an und es entstand eine Atmosphäre, die sagte „Ja, OK… Wir können uns wohl mal unterhalten“.

Redaktion:

Worüber wurde in dieser Studiengruppe gesprochen?

Kamanaka Hitomi:

Zum Beispiel gab es seitens der Einrichtung Meldungen, dass nunmehr irgendein Experiment in der Fabrik beginne. Aber diese Meldungen konnte man nur schwer verstehen, weshalb sie ausführlich erläutert wurden. Außerdem wollten die Leute, die vor Ort arbeiten, natürlich auch in Erfahrung bringen, ob es nun sicher sei oder nicht, und so gab es Frage-und–Antwort-Runden zu diesem Thema. Natürlich sagten die Mitarbeiter von Japan Nuclear Fuel Limited dazu nur, dass „alles in Ordnung“ sei.

Redaktion:

Aber uns kam zu Ohren, dass die regulären Mitarbeiter von Japan Nuclear Fuel Limited, die da meinen „alles in Ordnung“, ja nur Arbeitsanweisungen geben, und dass die richtige „Drecksarbeit“ – wie z.B. das Beseitigen von radioaktiv verschmutztem Wasser –, also Arbeiten, bei denen man möglicherweise Strahlungen ausgesetzt wird, fast alle die Arbeiter aus den Subunternehmen erledigen.

Kamanaka Hitomi:

So ist es. Die Festangestellten sitzen in ihrem schönen Kontrollraum und begeben sich vor Ort nie in Gefahr. Sie sagen, es sei „sauber, keinerlei Hibaku/Verstrahlung“, aber die Leute von den Subunternehmen erledigen Arbeiten wie das Schließen von Ventilen, in direkter Nähe des radioaktiven Materials. Es gibt Arbeiter, die die kontaminierte Kleidung reinigen. Bei diesen Tätigkeiten nicht Strahlungen ausgesetzt zu sein – das ist einfach unmöglich.

Auf Seiten von Japan Nuclear Fuel Limited sagt man, alles sei in Ordnung, da man sich innerhalb der empfohlenen Sicherheitswerte der ICRP (Internationale Strahlenschutzkommission) befindet. Diese Empfehlung der ICRP basiert allerdings auf der Idee „ALARA (as low as reasonably achievable – so niedrig wie vernünftigerweise erreichbar)“. Da es für die Gesellschaft Nutzen bringt, kann man gegen minimale Opfer nichts machen. Das heißt, es ist einkalkuliert, dass es Opfer gibt.

*ALARA – Eine grundlegende Leitlinie des Strahlenschutzes, die 1977 von der Internationalen Strahlenschutzkommission in einer Empfehlung aufgezeigt wurde. Sie besagt, dass alle Strahlenbelastung in Betrachtung von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gründen mit vernünftigen Mitteln im Rahmen des Möglichen so niedrig wie möglich gehalten werden muss.

Redaktion:

Es ist nötig, darüber nachzudenken, was diese „Opfer“ sind, und wer zum „Opfer des Nutzens wird“, aber in Ihrem Film antworteten die bei den Subunternehmen arbeitenden Leute, dass sie glauben, es sei sicher. Denken sie wirklich so, oder ist es so, dass sie keine andere Wahl haben, als es zu glauben…?

Kamanaka Hitomi:

Tja, wer weiß ... „Es ist sicher“; das heißt es gibt die stillschweigende Regel, etwas nicht zu sagen. Darüber nachzudenken, ob es sicher ist oder nicht, hieße nicht arbeiten zu können, sie befinden sich in einer Situation, in der sie keine andere Wahl haben.

Als ich einen Arbeiter der Subunternehmer in meinem Film fragte: „Würden Sie an einem anderen Ort arbeiten, wenn Sie die Möglichkeit hätten?“, da bekam ich die Antwort „Ja, wenn ich sie hätte. Aber die habe ich nicht“.

Redaktion:

Als ich den Film sah, hatte ich das Gefühl, dass diese Struktur sehr der in den US-Militärbasen auf Okinawa ähnelt. Auch dort ist es so, dass es Menschen gibt, die sagen: „Die Basen sind gefährlich, wir brauchen sie nicht“, während viele Leute meinen, dass man nichts zu beißen hätte, gäbe es die Basen nicht. Und: Obwohl eigentlich alle Japaner diese Probleme als ihre eigenen schultern müssten, werden sie auf das „Okinawa-Problem“ oder das „Rokkasho-mura-Problem“ reduziert.

Kamanaka Hitomi:

Ja, auf Okinawa sind es die Basen, und in Rokkasho-mura ist es die Wiederaufbereitungsanlage, die Struktur ist jedoch genau dieselbe.

Dennoch, fragt man, wer sie denn in diese „Es gibt keine andere Wahl“-Situation getrieben hat, dann denke ich, dass wir selbst es sind, die die AKW einem Teil der Menschen aufgezwungen haben und ohne nachzudenken Strom verbrauchen.

 


 

Teil II: Zeit, eine Welt mit Kernwaffen und Atomkraftwerken zu überdenken

Wir sind von Atomkraft abhängig und verbrauchen weiterhin große Mengen an Strom.
Wie lange werden wir wohl noch so ein Leben führen, während wir einem Teil der Menschen die „Rechnung“ dafür aufzwingen?
Erneut fragten wir Kamanaka Hitomi nach ihrer Meinung.

Die Wertvorstellung „Je mehr Stromverbrauch, desto reicher“ ist längst überholt

Redaktion:

In Ihrem Film „Rokkasho-mura rapusodī” (engl. Titel: Rokkashomura Rhapsody) wird deutlich die Struktur unseres Alltagslebens herausgearbeitet, in dem wir unbedarft Strom verbrauchen und in Wahrheit die „Rechnung“ – nämlich die Atomkraft – einem Teil der Leute aufbürden.

Ich möchte Sie an dieser Stelle zu Japans Energiepolitik befragen. Im Sommer dieses Jahres wurde das Kashiwazaki-Kariwa-Atomkraftwerk durch das Niigata-Chūetsu-Küstenerdbeben beschädigt. Und da die ganze Anlage abgeschaltet wurde, berichtete man eifrig von der Möglichkeit „akuten Strommangels“ im Umkreis der Hauptstadt. Zwar ist es durchaus real, dass es bei der Abschaltung von Atomkraftwerken zu Strommangel kommen kann, doch gewinnt man den Eindruck, dass dieses Krisengefühl mehr als nötig angefacht wird. Das war schon bei der Abschaltung aller Kernkraftwerke von TEPCO so, als deren Vertuschen von Schwierigkeiten enthüllt wurde. Es drängt sich das Gefühl auf, als solle man zu dem Schluss kommen: „Ohne Atomkraftwerke werden wir also doch Probleme wegen Strommangel bekommen“. Natürlich wird es ohne Strom Probleme geben, aber zu sagen, dass wir „deshalb Atomkraftwerke brauchen“, das scheint es mir doch noch einmal etwas anderes zu sein.

Kamanaka Hitomi:

Als erstes muss das Problem des Risikomanagements bedacht werden. Im Falle von Atomkraft ist keinerlei Risikomanagement möglich. Das Risiko „Abschalten“ lässt sich 100%ig nicht verhindern, dennoch gibt es keine Reserven. Selbst ohne Unfall wird jedes AKW einmal im Jahr für drei Monate zur regelmäßigen Inspektion abgeschaltet, dann muss in jedem Fall ein Wärmekraftwerk in Betrieb gesetzt werden. Und beim Neubau eines AKW einzig für diese drei Monate ein Wärmekraftwerk zu errichten, ist doch wohl ziemlich idiotisch.

Wenn es zudem in einem Reaktor zu einer Explosion wie in Tschernobyl käme, würde halb Japan verseucht und unbewohnbar werden. Deshalb frage ich mich, warum wir mit diesem Risiko Strom erzeugen müssen. Man sagt auch, dass beim Hamaoka-AKW in der Präfektur Shizuoka mit Sicherheit ein großes Erdbeben passieren wird. Und ob man es dann wie diesmal beim Kashiwazaki-Kariwa AKW gerade noch so schafft abzuschalten, das weiß niemand. Es ist, als würde man Russisch Roulette spielen.

Redaktion:

Diesen Risiken gegenüber die Augen verschließend, ist doch aber oft die Rede davon, es gäbe zur Aufrechterhaltung der Energienutzung keine andere Möglichkeit als die Atomkraft.

Kamanaka Hitomi:

Eigentlich müsste über einen Kurswechsel, der nicht nur auf Atomkraft setzt, nachgedacht werden. Man könnte die Energieversorgung auf diverse Energiequellen verteilen, noch mehr natürliche Energien erschließen, oder die Techniken zur Energiespeicherung verbessern. Wege gibt es verschiedene. Man könnte auch die Kraft-Wärme-Kopplung(*) vorantreiben. Professor Takeuchi Tsuneo von der Nagoya-Universität meint: „Wenn durch Kraft-Wärme-Kopplung der Stromverbrauch sinkt und Energiespar-Technologie eingeführt wird, dann sollte diese Energie ausreichen, auch wenn alle AKWs abgeschaltet wären.“

Demnach sollte gerade das Senken des Energieverbrauchs eigentlich zum wichtigsten Risikomanagement werden. Erst das Energiesparen fördern, und dann den gesamten Energieverbrauch halbieren. Und dann darüber nachdenken, wie man diese Hälfte bestreitet. Weltweit geht es bereits in die Richtung voran. In diesem Sinne ist das jetzige Japan äußerst unvernünftig und rückständig.

* Kraft-Wärme-Kopplung – Ein System, durch das man aus einer Energiequelle mehrere Energien erzeugen kann, z.B. die bei der Stromerzeugung entstehende Wärme für die Versorgung mit Heißwasser und Klimatisierung verwenden. Es kommt dadurch zu einer beträchtlichen Reduzierung der verbrauchten Menge an Energie. Des Weiteren werden durch diese Form der Energieerzeugung Verluste beim Stromtransport vom Kraftwerk aus verhindert.

Redaktion:

Es heißt doch aber auch, dass das Niveau der japanischen Energiespar-Technologien sehr hoch sei…

Kamanaka Hitomi:

Bei Haushaltsgeräten und so mag das vielleicht stimmen. Von der Haltung aber, alles mit Strom versorgen zu wollen, von der Botschaft „je mehr Stromverbrauch, desto reicher“ als solcher sind wir noch nicht weggekommen. Die „Gesamt-Elektrifizierung“ (ōru denka), welche von den Stromkonzernen vorangetrieben werden soll, ist doch die gleiche Denkweise wie „unser Leben durch Strom noch reicher machen“. Was unsere Zeit erfordert, ist dieses Bewusstsein an sich zu reformieren.

Im Grunde genommen ist dieses Modell der hochkonzentrierten Stromproduktion und des Stromverbrauchs – ihn massenhaft in den AKW herzustellen und ihn mittels Hochspannungsleitungen von entfernten Orten zu beziehen – bereits überholt. Solange Japan in seiner Position der führenden Wirtschaft in Asien an dieser rückständigen Methode festhält, fragen sich auch andere Länder „Also gibt es wohl keinen anderen Weg als die Atomkraft“. Wenn es stattdessen sein Bewusstsein reformieren, das Stromsparen vorantreiben und eine Wende hin zu natürlichen Energien anstreben würde, so wäre der Einfluss groß. Das würde sicherlich auch einen gewaltigen Effekt für die globale Umwelt mit sich bringen.

Ob „militärisch“, ob „friedlich“, der Gebrauch von Kernenergie bringt in jedem Falle Strahlenopfer hervor

Redaktion:

Aber wieso ist es dazu gekommen, dass Japan, das ja das Unheil der Atombomben erfahren hat, auf der anderen Seite eine solche, auf Kernenergie bauende, Energiepolitik verfolgt? Ich denke zwar, dass es gut gewesen wäre, hätte es zur Zeit der Einführung der Atomkrafttechnologien mehr – auch wenn das kein gutes Wort ist – „atom-allergische“ Aktivitäten gegeben, jedoch war die Rede von der „friedlichen Nutzung“ wohl weitaus mächtiger.

Kamanaka Hitomi:

Man sagt, der Anlass war der Vorfall „Glücklicher Drache V“(*).

Durch diesen Vorfall wurde weltweit das Kernproblem von Atomwaffen offensichtlich, nämlich dass es auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder Hibakusha gab, also Leute, deren Organismus innerlich durch radioaktive Strahlung verseucht wurde; wie also die radioaktive Verschmutzung die Menschen zu „Hibakusha“ macht. Das aber brachte Amerika mit seinem Bestreben, die Entwicklung von Kernwaffen fortzusetzen, in Schwierigkeiten. Also schlugen sie der japanischen Seite vor, über den erlittenen Schaden zu schweigen. Was als Tauschbedingung daraus hervorging, waren jene Technologien der „friedlichen Nutzung“ der Kernenergie.

*Vorfall „Glücklicher Drache V“ – Vorfall, bei dem 1954 das japanische Fischerboot „Glücklicher Drache V“, das auf Thunfisch-Fang im Küstengewässer der Marshallinseln war, in einen amerikanischen Wasserstoffbombentest im Bikini-Atoll geriet. 23 Mitglieder der Schiffsmannschaft wurden verstrahlt. Der Funker Kuboyama Aikichi starb ein halbes Jahr später.

Redaktion:

Das heißt also, es gab einen „Handel“, der besagte, dass Japan um den Vorfall „Glücklicher Drache V“ kein großes Theater machen solle, weil es im Gegenzug von Amerika die Kernkrafttechnologie angeboten bekam?

Kamanaka Hitomi:

Die geschädigte Crew und deren Verbliebene wurden mit einer kleinen Abfindung beschwichtigt und unter Druck gesetzt, nunmehr nicht unnötig über den Vorfall zu sprechen. Genauso, wie den Atombomben-Opfern Hiroshimas und Nagasakis nach dem Krieg verboten wurde, über den Schaden der Atombombe zu sprechen.

Da nicht nur die USA und die Sowjetunion, sondern auch Frankreich und England sich an Kern-Technologien beteiligten, gab es auch auf Seiten der japanischen Regierung, trotz Artikel 9 der Verfassung, die Überlegung, dass es ohne Kern-Technologien nicht möglich wäre, den „Großmächten“ der Welt ebenbürtig zu sein. Und so kam man dann darauf, die Atom-Allergie der Japaner doch besser mit der Rede von der „friedlichen Nutzung“ auszutreiben. So hat es auch ein Crewmitglied des „Glücklichen Drache V“ (Ōishi Matashichi) in seinem Buch „Die Wahrheit über den Vorfall am Bikini-Atoll“ (Misuzu Shobō Co., Ltd.) beschrieben. Ich glaube es waren die Worte „Gift mit Gift bekämpfen“.

Redaktion:

Trotz allen Redens von „friedlicher Nutzung“ – Kernkraft-Technologien können natürlich auch für Kernwaffen missbraucht werden.

Kamanaka Hitomi:

Ja, natürlich. Womöglich gab es auch das Vorhaben, dass, wenn man erst einmal Kernkraft-Technologien besitzt, man früher oder später auch Kernwaffen herstellen kann. Denn hat man AKW, dann kommt man auch an Plutonium und angereichertes Uran heran, also das Ausgangsmaterial für Kernwaffen. Japaner mögen glauben, die militärische und die friedliche Nutzung von Kernenergie seien zweierlei, doch in Wirklichkeit ist es ein und dasselbe. Mit unterschiedlichen „Tricks“ hat man sie als voneinander verschieden erscheinen lassen, doch ist das ein Irrtum.

Im Irak leiden die Menschen heute an radioaktivem Material von mit Uran abgereicherter Munition. Auch unter den japanischen „Hibakusha“ gibt es nicht nur die, die von der Atombombe verstrahlt wurden, sondern auch die, die die verstrahlten Gebiete später betraten und Restradioaktivität abbekommen haben. So gesehen ist klar, dass dort, wo Kernkraft oder Kernwaffen gebraucht werden, es zu „Hibakusha“ kommt.

Angefangen hat es mit Uran-Minen. Die das Uran abbauen, sind auch der Strahlung ausgesetzt, und es heißt, dass große Flächen mit Rest-Uran nicht ordentlich verwaltet werden, was zu weiteren „Hibakusha“ führt. Ob Kernkraft also friedlich oder militärisch verwendet wird – es kommt auf jeden Fall zu radioaktiver Verschmutzung und damit unausweichlich auch zu Opfern.

Auch das Risiko „Militärausrüstung zu besitzen“ wird geheim gehalten

Redaktion:

Schließlich möchte ich Sie nach Ihrer Meinung zum Artikel 9 der Verfassung befragen. Die LDP musste bei der Wahl des Oberhauses im Sommer dieses Jahres eine schwere Niederlage einstecken, die „Verfassungsreform“ aber war kaum thematisiert worden. Auch in der jetzigen Nummer Eins des Oberhauses, der DPJ, scheint die Zahl der sogenannten Fürsprecher einer Verfassungsreform hoch zu sein. Wie denken sie über die Aussage „Lasst uns Artikel 9 verändern und Streitkräfte haben“?

Kamanaka Hitomi:

Vor allem meine ich, dass die Änderung der Verfassung eines Landes eigentlich eine Aufgabe ist, die weitaus tiefergehende Diskussion verlangt und die wohl 10, 20 Jahre benötigt. Warum man es damit so eilig hat, verstehe ich nicht und wird auch nicht kommuniziert.

Außerdem verstehe ich auch nicht, wieso gerade Artikel 9 verändert werden soll. Von außen stellt es sich so dar, als wolle man eben einfach „nur Streitkräfte haben“.

Redaktion:

Mir scheint zudem, dass auch nicht genügend darüber gesprochen wird, welchen Nutzen und welche Risiken es mit sich bringt, Streitkräfte zu besitzen.

Kamanaka Hitomi:

So wie Risikomanagement in der Energiepolitik nicht möglich ist, so kann auch das Risiko, den Artikel 9 aufzugeben und sich militärisch auszurüsten, weder vom Staat noch von der Regierung konkret und realistisch berechnet werden.

Und den größten Schaden durch diese Risiken wird das Volk erleiden. Die Zeiten, in denen der Staat das Volk dadurch beschützen kann, dass er Streitkräfte hat, sind bereits vorbei. Dass es in Japan bisher keinen Terror gab, liegt m.E. daran, dass man Japan für ein Land hält, dass keine Armee hat und den Frieden befürwortet. Denn in einem solchen Land Terror zu verüben, wird sicher von niemandem honoriert (lacht).

Insgesamt frage ich mich, ob die 55 Reaktoren, die an der Küste schutzlos aneinandergereiht sind, nicht wirklich so etwas wie Rüstung sind. Würde nur eines dieser Atomkraftwerke zerstört werden, dann wäre das genauso als würden 1000 nukleare Sprengköpfe explodieren.

Redaktion:

Es heißt zwar, es wäre „gefährlich ohne Militär“, doch in Wirklichkeit liegt doch darin die viel größere Gefahr.

Kamanaka Hitomi:

Ich denke, dass der Artikel 9 der Verfassung aus dem Bewusstsein heraus entstanden ist, dass das Volk es nicht aus eigener Kraft aufhalten konnte, dass einst die Regierung solche Gewalttaten wie Krieg verübte. Das heißt, er ist so etwas wie Zügel, die das Volk der Regierung angelegt hat. Diesen Artikel aufzugeben ist so, als würden wir wissentlich unsere eigenen Rechte aufgeben. Um die Fehler des Zweiten Weltkriegs nicht zu wiederholen, müssen wir, als Volk, klüger werden. Das ist meine Meinung.

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