„Die Anrufung von kizuna“ ist die Übersetzung eines Artikels des bekannten Psychiaters Saitô Tamaki, erschienen am 11. Dezember 2011 in der landesweiten japanischen Zeitung „Mainichi shinbun“. Am Tag darauf wurde bekannt gegeben, dass das chinesische Zeichen kizuna zum Zeichen des Jahres erwählt wurde (siehe z.B. folgende Sequenz auf Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=0oD8sXw3MLQ ). Seit 1995, dem Jahr des Großen Erdbebens von Kôbe, wird alljährlich am 12.12. von der „Japanischen Vereinigung zur Überprüfung des Kanji-Leistungen“ (Nihon kanji nôryoku kentei kyôkai; dem japanischen Bildungsministerium unterstehend) eine solche Prämierung vorgenommen – vergleichbar wohl mit der Vergabe des „Wortes des Jahres“ durch die „Gesellschaft für deutsche Sprache“, die vier Tage später, am 16.12., das Wort „Stresstest“ zu ihrem Favoriten erklärt hat.

Kizuna impliziert verschiedene Bedeutungen, worüber auch Saitô reflektiert, daher sei es hier zunächst kurz mit „Bindung“ (engl. „bond“) wiedergegeben. In den Nachrichten und anderen Berichten der Massenmedien wurde immer wieder darauf hingewiesen, mit dieser Auswahl solle auch den Hoffnungen der Menschen Ausdruck gegeben werden, dass die schlimmen Folgen der Katastrophen vom 11. März 2011 doch auch zu einem größeren Zusammenhalt in Japan selbst, sowie der Menschheit insgesamt führen möge. Saitô geht auf die Ambivalenz solcher Wünsche ein, mit denen der Signifikant kizuna belegt wird – ich teile seine Überlegungen sowie sein diesbezügliches Unbehagen. Erwähnt sei hier aber auch, dass kizuna bereits vor der Dreifachkatastrophe an prominenter Stelle als Schlüsselbegriff auftauchte: Am 29. Januar 2011 hielt der damalige Premierminister Japans, Kan Naoto, eine Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, die den Titel trug „Opening Japan and Reinventing KIZUNA“ (jap. Kaikoku to kizuna). Kizuna interpretierend als „interpersonal bonds“, plädierte er für eine „dritte Öffnung Japans“ hin zur Welt sowie für eine Beförderung neuer Beziehungen zwischen den Individuen auch in Japan selbst, mit dem Ziel, eine Gesellschaft des kleinstmöglichen Unglücks (saishô fukô shakai) zu gestalten (siehe http://www.kantei.go.jp/jp/kan/statement/201101/29davos.html ). Und so lässt sich vermuten, dass von staatlich-offizieller Seite schon seit längerem ein Interesse an der Verbreitung bestimmter Bedeutungen des Zeichens in der Bevölkerung besteht. Es lohnt sich daher, seinen künftigen Gebrauch zu verfolgen und zu beobachten, welche weiteren Vorstellungen in ihm als äquivalent gesetzt und welche zugleich aus ihm ausgeschlossen werden. Möglicherweise entleert sich das Zeichen ja aber auch auf ganz andere Weise – wenn sich seiner nämlich mehr und mehr auch kommerzielle Interessen bedienen. So verkündeten die Betreiber eines Thermalbades in der vom Erdbeben und Tsunami schwer beschädigten Stadt Iwaki (Präfektur Fukushima) am 15.12.2011, dass die bisherige Einrichtung „Spa Resort Hawaiians“ im Februar nächsten Jahres wieder eröffnet werde, ergänzt um die Bezeichnung „Kizuna Resort“ und mit neuem Logo

(siehe http://prw.kyodonews.jp/open/release.do?r=201112151283).

 Steffi Richter

 

Saitô Tamaki

Zeitgeist: Mein Unbehagen gegenüber der Anrufung von „kizuna

Solidarität freier Individuen

Zu jenen Worten, die seit dem 11. März wieder und wieder ertönen, gehört „kizuna“. Gemeinsam mit Worten, die ebenfalls im Zusammenhang mit der Erdbebenkatastrophe stehen – wie „3.11.“, „zurückgekehrte Flüchtlinge“, „durch Gerüchte entstandener Schaden“ – konnte es unter die diesjährigen preisgekrönten Modewörter gelangen.

Gewiss, das erfahrene Unheil hat uns erneut klar gemacht, wie wichtig kizuna sind. Und denken wir an das im vergangenen Jahr nominierte preisgekrönte Modewort zurück – „indifferente Gesellschaft (muen shakai)“ –, so möchte man sich wirklich wünschen, die Erdbebenkatastrophe möge dazu dienen, dass die Menschen ihre Verbindungen zueinander wieder herstellen.

Doch überkommen einen dabei durchaus auch Zweifel. Dem japanischen Wörterbuch „Kôjien“ zufolge hat „kizuna“ zwei Bedeutungen: 1. Die Leine, mit der man Pferde, Hunde, Falken und andere Tiere anbindet; 2. kaum zu trennende Beziehung von Liebe und Dankbarkeit; persönliche Beziehungen, aus denen man sich nur schwer lösen kann; Fessel; Familienanhang; Einschränkung.

Bei ersterer handelt es sich um den Ursprung des Wortes, von der sich, so heißt es allgemein, die zweite Bedeutung ableitet. Wird daher eine weitere Lesart von „kizuna“ – „hodashi“ – ins Spiel gebracht, so bedeutet das ganz klar, „die körperliche Freiheit des Menschen einzuschränken“ (Wörterbuch der alten Sprache „Kihon kogo jiten“; Verlag Ôshûkan).

Ich möchte keine Exegese betreiben. Dass jedoch nach der erlittenen Katastrophe nicht „Beziehung“ (en) und „Solidarität“ (rentai), sondern unbewusst „kizuna“ als Boom-Wort gewählt wurde, scheint mir irgendwie eine symbolische Bedeutung zu haben.

Kizuna kann wohl zweifach aufgefasst werden: als etwas, das einen Menschen dadurch an seine Heimat bindet, dass er immer noch und immer wieder an sie denkt, auch wenn er Familie und Freunde, sein Haus oder die Grabstätte, die vertraute Landschaft verloren hat. Nennt man ein Gefühl, das ein Einzelner einer solch „kostbaren Bindung“ gegenüber empfindet, kizuna, so gibt es wohl kein bedeutsameres Wort.

Nicht wenig Unbehagen aber beschleicht mich, wenn – aus der Not eine Tugend machend –immer wieder lauthals verkündet wird „Vertiefen wir unsere kizuna!“. Kizuna lassen sich nicht mit Durchhalteparolen stärken oder vertiefen. Sind sie nicht etwas zumeist erst im Nachhinein Wahrgenommenes, dergestalt, dass – wird man ihrer gewahr –, sie schon eingegangen und tief sind?

Kizuna als Beziehungen (tsunagari) sind freundlich, warmherzig. Interessen und Gegensätze überwindend, umhüllen sie Menschen, machen sie eins. Was aber, wenn kizuna Eingrenzung (shigarami) meint? Dann schränken sie den Einzelnen oft ein und herrschen lästig über ihn wie drückende Luft. Nebenprodukte solcher kizuna sind z.B. die sich völlig aus der Gesellschaft zurückziehenden hikikomori und häusliche Gewalt.

Droht Gefahr, so ist natürlich das erste, worauf man vertraut, ganz unbestritten kizuna. Ist es aber nicht auch problematisch, wenn sich Menschen von ihrer Stimmung her zu sehr an kizuna orientieren?

Grundlegend meint kizuna Bezogenheit (kankeisei) auf private „Menschen“ und „Orte“, öffentliche Beziehungen werden selten so bezeichnet. Richtet man die Aufmerksamkeit also zu sehr auf kizuna, so kommt es leicht einer kognitiven Schieflage, bei der wohl ins Visier gerät, „was die Leute so reden (seken)“, kaum aber „Gesellschaft“. Nennen wir das vorläufig einmal „kizuna-Bias“.

Dieser kizuna-Bias wegen sind die Leute vor allem darum bemüht, selbst einander zu helfen. Auch wenn sie mit der Gesellschaft, dem System unzufrieden sind, so wird doch resignierend konstatiert, dass „Gesellschaft eben so sei“, was kizuna dann noch mehr vertieft. Und so steht für mich das Wort kizuna lediglich für ein Netzwerk der Selbstverteidigung unter den Bedingungen einer „Da-kann-man nichts-machen“-Gesellschaft“.

Das ist sicher jenen eine starke Stütze, die sich vor Ort (der Katastrophe) stillschweigend dem Wiederaufbau widmen. Doch Stimmen, die ihre Einwände gegen die Gesellschaft und das System erheben wollen, werden inmitten von kizuna niedergehalten. Solidarität mit Gegenbewegungen wird daraus nicht hervorgehen können.

Das größte Problem dabei ist das des „Schutzes für die Schwachen“. Was ich bei der Rede von kizuna am meisten befürchte ist, dass dadurch letztlich sogar die Unterstützung der Schwachen – eigentlich eine Aufgabe der Regierung – der „kizuna Familie“ überlassen wird. Früher wurden geistig Behinderte in privaten Häusern einfach in eine Extrakammer eingesperrt (shitaku kanchi), die Betreuung alter Menschen oblag völlig der Familie. Auch heutzutage ist es noch immer so, dass hochbetagte „hikikomori“ auf die kizuna ihrer alternden Eltern angewiesen sind. Und nun auch noch die von der Katastrophe Betroffenen.

Erweitern wir den Blickwinkel auf dieses Problem noch etwas. Es gibt den von der kanadischen Journalistin Naomi Klein vorgeschlagenen Begriff der „Shock Doctrine“. Übersetzt wurde er u.a. mit „Katastrophen-Kapitalismus“, gemeint ist jedenfalls eine radikale Erneuerung des marktwirtschaftlichen Prinzips unter Ausnutzung großer Katastrophen. In Japan, heißt es, trifft das auf die Strukturreformen zu, die nach dem Großen Hanshin-Awaji-Erbeben von 1995 unter dem damaligen Premier Hashimoto Ryûtarô durchgeführt wurden; auch die Politik des kürzlich zum Bürgermeister der Stadt Ôsaka gewählten Hashimoto Tôru wird mitunter so bezeichnet.

Dass die Menschen durch kizuna verbunden werden, geht sehr gut mit Reformen dieser Art zusammen. Die Regierung lässt öffentliche Dienste privatisieren, stärkt in allen Bereichen die freie Konkurrenz, und findet dann der Schutz der Schwachen keinerlei Berücksichtigung mehr, so helfen die Leute brav einander mittels kizuna, werden die Probleme aufgrund der kizuna-Bias unscheinbar und widerständige Bewegungen absorbiert.

Wir brauchen nicht noch mehr Anrufung von kizuna. Wir sollten uns, wie der Kritiker Azuma Hiroki meint, der Realität stellen, dass kizuna längst auseinandergebrochen sind. Und so setze ich lieber auf eine Zukunft der „Solidarität“ von freien Individuen, die von kizuna als Fesseln befreit sind.

Mainichi Shinbun vom 11.12.2011 (Morgenausgabe von Tôkyô)

http://mainichi.jp/opinion/news/20111211ddm002070091000c.html

Übersetzt von Steffi Richter

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