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Hirai Gen (geb. 1952, diskutiert Musik, Denken, Gesellschaft u.a. aus einer sehr eigenen Perspektive)

Inmitten von Erschütterungen: Die „Untergrund-Universität“ öffnet wieder

Übersetzt von Steffi Richter


1. Zeit des lethargischen Verfalls der Tokioter

Es war am Nachmittag des 2. September 1923 (Taishô 12), als der 34-jährige Sugiyama Hôen, Journalist beim „Kyûshû-Tageblatt“, sich vom Direktor des Fukuoka-Krankenhauses, in dem er wegen eines Magenleidens lag, 300 Yen borgte und in den Zug von Hakata nach Ôsaka stürzte. In Ôsaka schmuggelte er sich in das Erdbeben-Rettungsschiff „Bingo-maru“, auf dem er am Morgen des 5. im Hafen von Yokohama einlief. „Die alte Landungsbrücke von Yokohama wurde zerstört, die Küstenstraße ist völlig kaputt. Ebenso der neue Kai…“, hörte er einen jungen Mann sagen, der aus einer Barkasse umstieg.

„Vorgestern Nachmittag haben ungehobelte Banden, die – aus Tokio verjagt – in Yokohama auftauchten und sich mit Kumpels von hier zusammen taten, solch unmenschliche Grausamkeiten begangen, dass Jugendgruppen, Ex-Militärs u.a. sich zu Bürgerwehren organisiert und sie gemeinsam mit Leuten von der Marine in Richtung Kamakura vertrieben haben. Aus Angst verfolgt zu werden, waren sie es auch, die die Rokugôbashi-Eisenbrücke zerstört haben, wirklich – das darf man nicht durchgehen lassen; Gewalttaten solcher eiskalten und ungehobelten Banden sind das schwerste Vergehen, das man humanistisch gesehen, als Unmensch begehen kann.“

In Wirklichkeit fand all das nicht statt. Bei den als „ungehobelten Banden“ Bezeichneten handelt es sich um Koreaner. Der erhitzte Mann hat ein Gerücht erzählt, als sei er dabei gewesen. Der Journalist aber verschickt vom Schiff aus einen Artikel, ohne sich des Gehörten zu vergewissern. Erst später erfuhr Sugiyama, der am Morgen des 6. endlich in Shibaura an Land ging, dass „Massaker“ stattgefunden hatten.

Auch die Ermordung von Ôsugi und seiner Familie sowie von Arbeitern auf der Polizeibehörde von Kamedo wurde noch geheim gehalten. Leichten Fußes geht er durch die Stadt. „Innerhalb weniger Tage wird mit erstaunlicher Geschwindigkeit die Ordnung in Tokio wieder hergestellt“, beobachtet er. Was aber zutage tritt, sind „feige, kulturell versierte, wenig selbstbewusste Neu-Tokioter“, notiert er bitter. „Wo ist sie hin – die Aufrichtigkeit, der Gerechtigkeitssinn der Edo-Leute von einst?“ Die so beginnende Reportage „Zeit des Untergangs der Tokioter“ endet mit folgendem beißenden Kommentar:

„Lasst Euch von den Tokiotern nicht täuschen! Gebt ihnen nichts! Schlitzt (ein Tokioter) sich den Bauch auf, so findet sich da keinerlei Ideal, kein Prinzip – nur Geld und Gier. Im Ernstfall verlieren er oder auch sie wie das Vieh oder die Hungerteufel den Verstand und kriechen am Boden herum. Ist es vorbei, setzen sie affektiert wieder auf Kultur und sehen in denen vom Lande nur Dummköpfe.“

Bekanntermaßen ist Sugiyama Taidô alias Yumeno Kyûsaku (1889-1936) der Journalist des „Kyûshû-Tageblatts“, und mit der Katastrophe meint er das Große Kantô-Erdbeben. Dieser Autor sehr seltsamer Romane ist der Sohn des einst von den Freiheitsrechtlern konvertierten Sugiyama Shigemaru (1864-1935), Boss der rechten nationalistischen Genyôsha-Vereinigung. Aus dem Fundus damals verbreiteter „rührseliger Ruinengeschichten“ griff dieser Kyûsaku gnadenlos „kulturelle Vernünfteleien“ vom „Volk Katastrophenopfer“ auf. Diese „Durchtriebenheit und Unersättlichkeit“ unmittelbar nachdem Tod von 100.000 und der Ermordung von 6000 Menschen. Der Autor, Liebhaber der Rakugo-Erzählung „Kuma und Hatchi“ – einer fiktiven Utopie aus den Reihenhäusern einfacher Städter –, hat sich unversehens nicht nur der schützenden Hand seines Vaters entzogen, sondern sogar seinen eigenen, als „Sozialismus der direkten Tennô-Herrschaft“ zu bezeichnenden Standpunkt verlassen.

Die Menschen von Tôhoku im Jahr 2011 sind nicht jene Tokioter, die vor 88 Jahren eigenhändig Koreaner erschlagen haben. Doch gerade jetzt nisten sich Vorwürfe gegenüber der „Kultur der Affektiertheit“ ein. In einer Stadt, in der wegen des zerstörten AKW von Fukushima der Lichterglanz abgeschaltet wurde, sind auch wir als deren Nachkommen zu „potentiell Verstrahlten“, d.h. „Betroffenen“ geworden. Zuallererst die verstrahlten Freeter im AKW. Durch die ausströmende Radioaktivität hat ein lethargischer Verfall begonnen. Es macht durchaus Sinn, sich in der Situation „Tôhoku, halte durch, gib nicht auf!“ der Worte von Kyûsaku „Lasst Euch von den Tokiotern nicht täuschen“ zu erinnern. Lasst Euch nicht von Dentsû betrügen. Hei, Tortoise Matsumoto! Ruf uns doch zu „Tôhoku, halte durch!“ (Imawano) Kiyoshirô würde es längst ganz locker singen.

 


2. Hin zum Underground- Mittleren Osten

Drei Jahre ist es her, dass im „Laden 12 – Aufstand der Laien“ auf der Kitanaka-Strasse, einer engen Gasse am Nordausgang des Bahnhof Kôenji die „Untergrund-Universität – eine nichtreguläre Universität mit nichtregulären Dozenten für nichtreguläre Arbeiter“ gegründet wurde – mitten im Getöse um die gescheiterte Einladung von Antonio Negri und der Anti-G8-Summit- Bewegung. Nicht einmal einen Ort, an dem jener Denker spricht, der mit dem Slogan „Von der Autonomie zur Multitude“ ins neue Jahrhundert schritt, können die Universitäten dieses Landes garantieren. Es bedurfte es großer Anstrengungen, ein Loch in das durch eiserne Zäune und Keycards abgeschottete Uni-Distrikt zu bohren, um einen Versammlungsort für das Symposium zu finden, das die nackten Könige verlacht. Verblüfft überlegten wir Freeter und Freeter-Dozenten, eine „Universität“ für jene zu schaffen, die wirklich „Wissen“ benötigen. Zwar eine Imitation, ohne Studiengebühren und Abschlusszeugnisse, zugleich aber eine echte Universität. Sofort einigten wir uns auf den Namen „Untergrund-Universität“. Zehn Vorlesungen fanden statt, dann mussten wir pausieren, und mit „Der fortdauernde Aufruhr in Arabien“ beleben wir sie nun wieder. Es folgt der Hinweis, der auf unsere Homepage gestellt wurde:

„Der Underground-Mittlere Osten – eine gründliche Debatte“

Seit wir im Januar 2010 Nishiyama Yûji eingeladen hatten, um gemeinsam seinen Film „Recht auf Philosophie“ zu sehen – und dazu das magere halbe Jahr schon zuvor – sind nunmehr fast zwei Jahre vergangen. Arbeitslosigkeit, Umzüge, Krankheiten, Entlassungen, wie sie eben bei den Prekären üblich sind, sorgten für diese Unregelmäßigkeiten. Doch nun ist die Zeit gekommen, wir brauchen einen Ort für solch ein „Lernen im Untergrund“.

Es war – keinesfalls zufällig – die „Ära der demokratischen Partei DPJ“, in der in den letzten zwei Jahre die Bewegung der Freeter ebenso wie die alternative Globalisierungsbewegung stagnierte, und auf der Straße krakeelende Rechte auftauchten. Kan Naoto ist nicht so sehr „zu einem Koizumi geworden“, vielmehr hat er sich – in Sachen Gefolgsmann des amerikanischen Kriegs und Neoliberalismus – zu einem verspäteten „Tony Blair verwandelt“. Die Zeiten, in denen der Giddens’sche „Dritte Weg“ – basierend auf einer neuen, NPO-gestützten Wohlfahrtspolitik und einer soft-neoliberalen Ökonomie – irgendwie effektiv erschien, sind endgültig vorüber. Gleiches gilt für Obama. Weltweit befinden wir uns mitten in der Suche nach einer „next movement“.

Auch die in Tunesien und Ägypten begonnenen „machtvollen Revolten Arabiens“ sind eine solche Reaktion. Gewiss gibt es Manipulation aus Amerika. Und die Intelligenz-Maschinerie hat aus den vergangenen 10 Jahren „Anti-Globalisierung“ viel gelernt. So wird u.a. berichtet, es handle sich um „eine westlich orientierte Bewegung von reichen Kairo-Studenten an amerikanischen Universitäten, ein Intergenerationen-Kampf gegen den Arabismus nach Nasser“. Doch haben sich allein deshalb eine Mio. Menschen auf dem Tahrir-Platz versammelt?

Sicher ist es ein abgedroschenes Klischee, diese Bewegung mit einem oberflächlichen Arabismus und Islamismus zu erklären. Doch haben eben diese 10 Jahre gerade Tunesien und Ägypten tatsächlich zu Modellstaaten des Neoliberalismus in dieser Region gemacht. Ohne Zweifel liegt im Grunde dieser Entwicklung eine über das Gezänk zwischen dem Erdöl- und dem IT-Kapital hinaus gehende Antwort auf die Antiglobalisierungsbewegung verborgen.

Und kam nicht gemeinsam damit Martin Bernals „Schwarze Athene“ zurück? Wir müssen diese Veränderungen in einem die gesamte Geographie der Ideen umschreibenden Kontext in den Blick nehmen: Es war das – Nordafrika und Arabien umschließende – Morgenland (Levante/das Gebiet östlich des Mittelmeers), das die griechische Gesellschaft, die als Ursprung des westlichen Geistes gilt, hervorgebracht hat.

In unserer dritten Diskussionsreihe wollen wir uns mit den ideengeschichtlichen Implikationen, die sich aus der Überwindung der Trennung [der Welt] in Arabien, Afrika, Europa sowie Asien ergeben, sowie mit einer alternativen Globalisierungsbewegung befassen – mit der Verflechtung von beiden. Eine Schüssel Reis mit Rindfleisch aus dem „Haus Yoshino“ kostet 280 Yen, die Untergrund-Universität 500 Yen. Ihr könnt sicher sein: für eine Münze können tiefgehendes Wissen und Bewegung in großem Umfang, brandaktuell eingefordert werden.“

Siehe Untergrund-Universität http://www.chikadaigaku.net/

 


3. Zwei Wellen leben

Ein grandioser Anblick in der „Untergrund-Universität“ (die sich am Ende der Gasse mit den anzüglichen Fûzoku-Geschäften befindet): Aufruhr im Mittleren Osten und ein voluminöses philologisches Magnus Opus stehen neben einer Schüssel Reis mit Rindfleisch für 280 Yen. Und doch gibt es für diese andauernde, sich von Maghrib nach Mashrik erstreckende Bewegung keinen Namen. Blättert man z.B. im „Sonderheft zu den Arabischen Revolutionen“ von „Gendai shisô“, so ist die Rede vom „Wunder vom Tahrir-Platz“, von „Neuen Zivil-Revolutionen“, von „Saura“, von einer „Arabischen Renaissance“, vom „1848 der Araber“ usw. – alle in- und ausländischen 39 Diskutanten beschreiben die Situation mit unterschiedlichen Worten. Es wird ersichtlich, wie sich die Akademiker wieder und wieder an den der westlichen Geschichte entstammenden Worten abarbeiten. Nur Itagaki Yûzô verweist darauf, dass der Ursprung solcher Begriffe wie „Platz“, „Wunder“, „Bürger“, Renaissance“ nicht im Westen liegt. Ihre Wiege stünde eben östlich des Mittelmeers, wo Arabien, der Islam, Afrika sich kreuzten, so urteilt er voller Überzeugung. Angefüllt mit reichem Inhalt, kehrten sie nun zurück. In Martin Bernals „Schwarzer Athene“, die er emphatisch vorstellt, sieht er ein Ergebnis, das ihre von vielen Windungen geprägte Geschichte korrigierend nachzeichnet.

Das arabische Wort „Saura“, meist mit „Aufruhr“ übersetzt – welche Art von „Revolution“ impliziert es eigentlich? Das ist noch unklar. Dass aber etwas Gigantisches geschieht, daran gibt es keinen Zweifel. In dieser Welle gibt es – außer denen, die sich für Palästina interessieren – viele Menschen, die zynisch geworden sind. „Ist das nicht eine Facebook-Bewegung made in Amerika?“ steht ihnen im Gesicht geschrieben. Mitten in den Vorbereitungen, diese Schlaffheit zerschlagen zu wollen, brach am 11. März das Beben aus.

„Na, die Kantô-Ebene zittert mal wieder… dauert aber ganz schön lange“, denken wir fünf Leiharbeiter (einer in den Gassen von Tôkyô-Iidabashi gelegenen Firma) noch, arbeiten aber weiter. Die Lampen schwingen, Akten fallen herunter, und Angestellte der Firma, die ins Netz schauten, erheben ihre Stimme. Ein Lautsprecher gebietet uns, sofort auf den nahe gelegenen Sportplatz zu flüchten, der Achtgeschösser, von dem Kacheln herunterfallen, werde geschlossen. Während wir die Treppen hinunter laufen, wird die uns Freeter von den Festangestellten trennende Membran dünner. Die Handys funktionieren nicht. Hunderte von Leuten werden ausgespuckt, Männer und Frauen mit herabbaumelnden Namensschildern versammeln sich fröstelnd auf ebener Erde. Hier hat einmal eine Artilleriewaffenfabrik gestanden. Gebannt blicke ich auf das Profil der diffus errötenden Gesichter der Office-Ladies. Würden die Gebäude um uns herum jetzt einstürzen, sollte ich dann nicht das Kommando über diese halbtrunkenen Truppen übernehmen? Sonst bringen die mich um. (Lachen.) Gerade versuche ich, von der Angst, nichts über die Situation ihrer Familien zu wissen, mit diesem schlechten Witz abzulenken, da ertönt die Stimme eines Angestellten: „Schluss für heute!“

Als ich entlang der Sotobori von Yotsuya in die Shinjuku-Strasse biege, werde ich von einer Menschenmenge aufgesaugt, die in Richtung Shinjuku-Bahnhof zieht. Es sind nicht nur Firmenarbeiter. Leute mit Kinderwagen, bis hin zu Rollstuhlfahrern – Tausende, Zehntausende? Allen ist übel von diesem verfluchten Picknick. Saura und Erdbeben – wie soll man diese beiden Wellen leben? Diese Frage steigt aus meinem zitternden Körper empor.

(Eintrag am 27.3. in mein Tagebuch)

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