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Matsumoto Hajimes große Strategie der Unbefangenheit“; Kolumne im Magazine9

Nr.41: "Wir sind stinksauer! Atomkraft ist gefährlich! Die Großdemonstration der 300 000!"

Autor: Matsumoto Hajime

Quelle: http://www.magazine9.jp/matsumoto/110330/
Übersetzerin: Maria Trunk; Juni 2011



Um Himmels Willen, ich hätte nie gedacht, dass sich so plötzlich eine derartig schlimme Naturkatastrophe ereignen würde! Oh nein, furchtbar, furchtbar. Ein Erdbeben bisher ungekannter Stärke ließ viele Städte im Chaos versinken. Darüber hinaus kam eine beispiellose Tsunamiwelle, welche einige heimsuchte und eine grausige Zahl an Todesopfern hinterließ. In solch einer Situation muss man sich gegenseitig helfen und Schwierigkeiten gemeinsam überwinden. Deshalb habe ich mich gefragt, ob ich nicht von Tōkyō aus etwas tun könnte.

Gegen eine derart gewaltige Kraft der Natur können wir kaum ankommen. Doch diesmal brach in dem Durcheinander eine unverkennbar von Menschenhand verursachte Katastrophe aus: ein atomarer Unfall! Die Leute sagen Dinge wie: „Erdbeben, Tsunami und das Atomkraftwerk. Nein, so ein entsetzliches Unglück“. Hey! Die durch das AKW verursachte Katastrophe allein ist keine Naturkatastrophe und man hätte sie deshalb verhindern können. Verdammt nochmal! Was treiben die nur alle?

Bildunterschrift (Bild1):
Für einen deutschen Freund, der mich ab und zu besucht, war es das erste große Erdbeben, und ein riesen Schock für ihn!

Und obwohl so viele Leute immer wieder riefen:„Das ist gefährlich!“, wiederholte TEPCO immerzu Phrasen wie: „Nein, alles ist in Ordnung“. Und auch die Regierung (und besonders die LDP) hat bislang ebenso eifrig den Ausbau von Atomkraftwerken vorangetrieben. Zudem verbreiteten zweifelhafte Wissenschaftler im Fernsehen äußerst irreführende Botschaften wie „AKWs sind ökologisch“. Doch es ist genauso gekommen wie befürchtet –sie haben einen richtig großen Unfall verursacht und die Gegend vollkommen verseucht! Eine Gefahr, so groß, dass die Leute in einem Radius von 20 bis 30 Kilometern in großer Eile fliehen mussten! So etwas habe ich bisher noch nie gehört! AKWs sind letztlich also doch gefährlich!

Und es gibt auch viele Leute die betrügerische Botschaften wie „Um unseren derzeitigen Lebensstil weiterführen zu können, sind AKWs unerlässlich“ verbreiten, aber das darf man ihnen keinesfalls durchgehen lassen. Ehe ich mit solch einer gefährlichen Einstellung lebe, verzichte ich doch lieber auf ein bisschen Strom. Also wirklich, ich sage zu Tōkyō -Gas nur: Wenn ihr diese verdammte allumfassende Elektrifizierung unbedingt braucht, dann setzt das doch vollständig mit Kohle um! Nein, Entschuldigung, das war zu viel gesagt. Ein bisschen Strom brauche ich schon auch.

Jedenfalls sollte das Abschaffen riskanter Dinge oberste Priorität haben, nicht wahr? In einer Zone, in der Erdbeben gehäuft auftreten, beständig AKWs zu bauen – das ist wohl wie eine Gegend mit einem Minenfeld zu umschließen. Was machen die nur mit dem Ort, an dem wir leben? Das ist doch gefährlich!

Bildunterschrift (Bild2):
Gleich nach dem Erdbeben begannen die Leute in dem Geschäftsviertel zusammenzulaufen.

Da ich gerade davon erzähle: hier auch kurz etwas zur Lage in Kōenji.
Zum Zeitpunkt des Erdbebens war ich gerade vom Haus eines Kunden, dem ich Trödel abgekauft hatte, wieder in den Laden zurückgekehrt. Auch in Tōkyō fühlte es sich erstmals an wie ein starkes Erdbeben. Die vielen bereits heruntergekommen Gebäude in Kōenji haben geknarzt, die Inneneinrichtung verschiedener Läden stürzte um, Türen lösten sich, Masten wurden verbogen, alles geriet durcheinander. Und im nächsten Moment stürzten Leute haufenweise hinaus auf die Einkaufsstraße! Es kamen auch Omas und Opas heraus, junge Leute aus der Nachbarschaft sprangen mit einem Satz in Schlafanzügen aus den Fenstern. Es herrschte großes Getümmel, obwohl doch normalerweise wochentags die Einkaufsstraße am Nachmittag fast menschenleer ist. Dann haben sich alle – das ist wohl in jeder Stadt so – besorgt gegenseitig gefragt „Ist alles in Ordnung?“ „Ist dieser Opa unverletzt?“ oder „Dieses baufällige Apartment ist doch hoffentlich nicht zusammengebrochen?“. Auch allein lebende Leute waren darunter, die, ohne genau zu wissen warum, in die Kitanaka-Straße kamen. Sie sagten: „Herrje, ich hatte solche Angst, da musste ich einfach herkommen. Ich dachte, hier ist sicher jemand.“

Bildunterschrift (Bild3):
Gleich nach der Erdbebenkatastrophe haben wir eine Wohltätigkeits-Bar eröffnet, um Spendengelder zu sammeln. Die Einnahmen dieses Tages von 31 000 Yen haben wir in das Katastrophengebiet geschickt.

Bei solch einem Ereignis ist es schließlich so, dass völlig fremde Menschen ziellos durch das Geschäftsviertel ziehen, so als ob sie sich sicher fühlten, wenn andere Leute um sie herum sind.

Und weil alle sofort Informationen erhalten wollten, habe ich hinten aus dem Laden einen Fernseher geholt und auf der Straße vor dem Laden aufgestellt. Sofort drängten sich die Menschen davor – eine Szene, wie man sie nur noch von Bildern aus der Shōwa-Zeit kennt.

Obwohl es in unserer Gegend nur ein eingestürztes Gebäude gab und der Schaden sich in Grenzen hielt, wurde mir erneut klar, dass solch ein enger Zusammenhalt in der Nachbarschaft wie in unserer Einkaufsstraße von großer Bedeutung ist. Letztendlich sind der größte Katastrophenschutz wahrscheinlich gute nachbarschaftliche Beziehungen. Und diese Kerle von der Verwaltung sanieren immer nur und zerschlagen damit die Selbstverwaltungsstrukturen. Also wirklich! Das geht doch nicht!

Was die Bewältigung von Naturkatastrophen betrifft, so kann man mit vereinten Kräften Stück für Stück wieder vorwärts kommen, doch Radioaktivität, das ist etwas Bösartiges. Von Anfang an blieb uns nichts anderes übrig, als den Bemühungen der verbliebenen Arbeiter zuzuschauen. Mittlerweile verbreitet sich die Strahlung sogar in der Luft und im Wasser. Das ist wirklich schrecklich. Als die Nachricht kam, dass Leitungswasser gefährlich sei, dachten wir, dass man es abkochen könnte, aber dann hieß es, dass die Radioaktivität dadurch nur noch dichter werden würde. Da kann man einfach nichts mehr machen! Bedeutet das, dass uns, wenn AKWs immer mehr in unsere Nähe rücken, nur zwei Wahlmöglichkeiten bleiben? Geduldig mit anzusehen wie sich die eigene Lebenserwartung verkürzt oder in eine andere Stadt zu flüchten? Wie konnte es so weit kommen? Mir will das nicht in den Kopf gehen!

Bildunterschrift (Bild4):
In einer Bar wurden solche Poster aufgehängt.

Um der Gefahr so schnell wie möglich etwas entgegenzusetzen, und sei es auch nur für kurze Zeit, habe ich mich entschieden, ein wenig Lärm zu machen! Daher veranstalten wir unter dem Motto „Spenden sammeln für die Menschen in Not & Stoppt AKWs!“ ein riesiges Event in Kōenji!!! Das wird Aufsehen erregen! Zudem initiieren wir gerade jetzt in der Einkaufsstraße von Kōenji auch eine Geldspenden-Aktion für unsere Partnerstadt Minamisōma. Diese Stadt liegt innerhalb des Gebietes mit einem Radius von 20-30km um Fukushima 1. Es ist eine der Gegenden, in denen die sogenannte „Zuflucht im eigenen Haus“ für die Bewohner schreckliche Realität geworden ist. Es wäre gut, wenn Ihr diese Kampagne ein bisschen unterstützen würdet.
Außerdem gibt es auch eigenständige Hilfsaktionen von Mitgliedern einer Musik-Band. Da diese Hilfsaktion von besonders engagierten Einzelpersonen angekurbelt wird, kann sie wenigstens teilweise die Orte erreichen, die von Verwaltung und großen Hilfsaktionen nicht erfasst werden. Solche Aktionen unserer Bekannten unterstützen wir und es wäre schön, wenn Ihr Euch hier auch anschließen könntet. (nähere Informationen unter http://sendai-birdland.com/)

So werden wir weiter mit unserem Slogan „AKWs sind kein Spaß!“ die Abschaffung von Atomtechnik in großem Maßstab fordern und Geldspenden sammeln. Das werden wir natürlich in Form von Demonstrationen machen! Auf der Ladefläche eines Trucks wird eine Bühne gebaut und eine Band sowie ein DJ werden auftreten. Und in den Pausen gibt es dann lautstarke Appelle.
Anfragen von Bands, die auftreten wollen, und Angebote für die notwendige Technik kommen massenweise bei uns an. Das hätte ich mir zuvor so nie träumen lassen! Wenn wir es bei dieser Gelegenheit nicht schaffen, alle AKWs abzuschalten, ist alles verloren. Also machen wir uns auf!

Und noch mehr! Es müssen im ganzen Land und auf der ganzen Welt zur gleichen Zeit Aktionen stattfinden. Deswegen sind wir dabei, zu verschiedenen Orten Kontakt aufzunehmen. Ihr alle, die ihr das hier lest, werdet aktiv und seid am Wochenende vom 9. bis 10. April dabei, wenn es heißt: „Endlich Schluss mit AKWs! Die sind zu gefährlich!“


 

[Ablaufplan:]

Sonntag, 10. April
Lasst uns Spenden sammeln fürs Katastrophengebiet
und endlich mit den AKWs aufhören !
Riesen-Antiatomkraft-Demo mit Rockfestival
http://ameblo.jp/tsukiji14/entry-10844839979.html

Ab den Abendstunden in Kōenji (Einzelheiten noch nicht festgelegt)
Kommt auf alle Fälle am 10. April abends nach Kōenji!

Das an diesem Tag gesammelte Geld soll auf folgende Weise als Unterstützung weitergegeben werden:

  1. Über den Verband der Händler von Kōenji an die Partnerstadt Minamisōma; Minamisōma liegt in dem Gebiet, in dem – 2-30 km vom AKW Fukushima 1 entfernt – die Bewohner aus ihren Häusern evakuiert wurden, und das durch die Erdbebenkatastrophe und die atomare Strahlung doppelt geschädigt wurde!
  2. Durch Bandmitglieder ist eine Hilfsorganisation aufgebaut worden, die unter anderem auch von Tōkyō aus direkt Waren transportiert. Auch hierfür Spenden!http://sendai-birdland.com/



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