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Immer wieder Freitags....
Ein Erfahrungsbericht zur Anti-Atom-Bewegung in Tôkyô

von Isabel Fassbender (Universität Zürich)

(verfasst im September 2013)


Kurz nach dem verheerenden Erdbeben und der Katastrophe vom 11.3. in Fukushima hörte man zahllose Schreckensmeldungen aus Japan und diese brachen auch eine Weile nicht ab. In Verbindung damit zeigten die ausländischen Medien auch viele Aufnahmen von Anti-Atomkraft-Demonstrationen aus Japan, die das allgemeine Bild der Japaner, die dem zivilen Ungehorsam zum Beispiel in Form von Großdemonstrationen zumindest nach den Studentenbewegungen in den 60er Jahren, eher nicht zugetan seien, relativierte. Diese Bewegung scheint, zumindest was die Darstellung in ausländischen Medien angeht, mehr oder weniger tot zu sein. Das ist jedoch keineswegs der Fall. Die gegenwärtige, der Atomenergie mehr als zugeneigte, japanische Regierung möchte dieses Bild jedoch vermitteln und scheint damit innerhalb Japans, aber auch außerhalb des Landes Erfolg zu haben.

Auch wenn die große Massenbewegung, die dem 11.3. folgte, tatsächlich stark abgeebbt ist, sind zahlreiche Atomkraftgegner durchaus weiterhin aktiv. Darunter befinden sich die „alten“, solche die schon vor der Katastrophe ihre Stimme gegen die Atomenergie erhoben haben und die Gefahren aufgezeigt haben, und die „neuen“, diejenigen, für die Fukushima wie ein Weckruf wirkte, und die sich nun stark gegen die japanische Atompolitik einsetzen.

Deshalb habe ich meine Beine in die Hand genommen, mir das Ganze mit eigenen Augen angesehen, mit einigen Aktiven gesprochen, recherchiert und als Ergebnis diesen Erfahrungsbericht verfasst. Darin möchte ich anhand von selbst Erlebtem, Gesehenem und Gehörtem die besondere Art der Demonstration verdeutlichen und somit eventuell in irgendeiner Weise zu den Aktivitäten dieser Menschen beitragen. Weniger ist es das Ziel ein detailliertes Gesamtbild der japanischen Atomkraftbewegung darzustellen, als vielmehr persönliche Eindrücke zu schildern und in diesem Rahmen auch die zahlreichen Probleme und Hindernisse, denen die Atomkraft-Gegner gegenüberstehen, zumindest bruchstückhaft aufzuzeigen.

Um einer allzu subjektiven Darstellung zumindest geringfügig entgegenzuwirken, werde ich verschiedene Quellen angeben und Hintergrundinformationen liefern. Des Weiteren möchte ich mich nicht nur auf meine eigene sehr begrenzte Erfahrung beschränken und habe mir somit Unterstützung von einigen Aktiven geholt, die mir mehr als hilfreich zur Seite standen.

Mein Studienaufenthalt in Tôkyô begann im Herbst 2011, als die Katastrophe noch frisch in den Köpfen war. Hoch besorgt und geimpft durch das schreckensvolle Bild, das in den europäischen Medien gezeichnet wurde, entschloss ich mich trotz vielen entgegengesetzten Ratschlägen aus dem Freundes- und Familienkreis, mein Studium wie geplant anzutreten. Jedoch merkte ich in Tôkyô schnell, dass man hier kaum über Fukushima sprach und dass sich abgesehen von ein paar Plakaten „日本頑張れ!“ („Nihon ganbare!“ etwa: „Gib nicht auf, Japan!“) oder Hinweisschildern, die zur Mitarbeit beim Stromsparen aufforderten, im Vergleich zu meinem Aufenthalt in Ôsaka ein Jahr zuvor kaum etwas geändert hatte. Besonders in der Universität, zum Beispiel bei Gesprächen in der Mensa, war ich gelinde ausgedrückt erschüttert über das großflächige Schweigen über und das Ignorieren des vorgefallenen Unfalls – zumindest von einem Großteil der Studentenseite. Ich war zwar gewohnt, dass politische oder delikate Themen unter vielen jungen Leuten eher seltener auf den Tisch kommen, jedoch war ich verwundert und teils frustriert, dass sogar Fukushima und damit zusammenhängende Themen kaum zur Sprache kamen. Natürlich habe ich dennoch auch schnell gemerkt, dass es durchaus einige Leute gibt, die sich stark interessieren. Auch wurde zum Teil offensichtlich, dass das Schweigen bei vielen weniger Desinteresse als eher lähmende Angst waren. Zudem wurde klar, dass die Massenmedien ihren Teil dazu taten und immer noch tun, ein Bild von „es ist ja nichts passiert“ zu vermitteln, was - wahrscheinlich einfach nur menschlich – nicht ungern geschluckt wird. 

Bald traf ich auch einige Leute, die sehr stark in der Anti-Atom-Bewegung involviert sind und konnte somit erfahren, dass es unter der dünnen Oberfläche des Schweigens brodelt und durchaus viel Widerstand gegen die Atomenergie-Politik der Regierung vorhanden ist. Es gibt große Bemühungen, Fukushima endlich ernst zu nehmen und nicht als Lappalie herunterzuspielen.

Eingehen möchte ich in diesem Bericht kurz auf meine Beobachtungen bei zwei Großdemonstrationen in Tôkyô, und etwas ausführlicher auf die sehr bemerkenswerten unermüdlich jeden Freitag vor dem Sitz des Premierministers stattfindenden Demonstrationen. In diesem Rahmen möchte ich zudem die Aktivitäten des sogenannten Zelt-Platzes (Tento Hiroba テントひろば)、einem ständig besetzten Ort der Zusammenkunft von Aktivisten, etwas näher beleuchten. 

Die erste Demonstration, an der ich teilnahm, fand am 10.3.2013, dem Sonntag vor dem zweijährigen Jahrestag der Katastrophe von Fukushima, statt.


Flyer zur Demonstration vom 10. März 2013

Nicht nur an verschiedensten Orten in Tôkyô, sondern in ganz Japan fanden sich an diesem Wochenende zahlreiche Demonstranten zusammen, um ihre Stimme gegen die Atom-Politik der japanischen Regierung und für den Atomausstieg zu erheben. An etwa 300 Stellen in ganz Japan trafen sich an diesem Tag Demonstranten mit dem gleichen Ziel.

Im Tôkyôter Hibiya-Park (日比谷公園), vor dem Parlament (国会前) und im Regierungsbehörden-Viertel ( 霞が関一帯) fanden sich Menschenströme von laut Veranstaltern insgesamt etwa 40.000 ein, um „Null Atomkraft“ 「原発ゼロ」 zu fordern. Die Demonstration bewegte sich nach einer Versammlung und verschiedensten Reden im Open Air-Konzertveranstaltungsort des Hibiya-Parks ( 日比谷野外音楽堂) in Richtung Wirtschaftsministerium (経産省), wo man eine Runde drehte und sich dann Richtung Parlamentsgebäude begab.

Bei meinem Eintreffen beim Hibiya-Park herrschte eine gewisse Straßenfest-Atmosphäre und es war gerade eine japanische Trommlergruppe am Werk, die die Zuschauer mit ihrer unglaublichen Energie ansteckten. Ich begab mich weiter zum Versammlungsort, wo hitzige Reden von verschiedensten Angehörigen der Bewegung gehalten wurden. Danach startete der Demonstrationszug. Es dauerte erst einmal eine sehr geraume Zeit bis die Masse sich durch den engen Eingang nach draußen gekämpft hatte, wo man wartete, um aufzubrechen. Ich war erstaunt über den Anblick der großen Menschenmenge, der sich mir hier bot. Man bewegte sich nur äußerst schleppend vorwärts und angekommen an einem gewissen Punkt, wurde mir dann auch klar, warum. Der Demonstrationszug wurde hier von der Polizei auseinandergerissen, insofern, dass immer nur eine recht geringe Anzahl von Leuten durchgelassen und der Zug dann wieder gestoppt wurde. Von meinem Informanten wurde mir erklärt, dass das ein Mittel sei, um erstens die Luft aus der Demonstration zu lassen und zweitens die Teilnehmerzahlen auf eventuellen Fotos und somit in Berichten möglichst klein erscheinen zu lassen. Die Polizei war damit nicht unerfolgreich, man konnte regelrecht spüren, wie die Kraft der Menge sozusagen im Sand verlief.

Besonders überrascht war ich bei dieser Demonstration über den geordneten Ablauf und über die Alterskonstellation. Mein Informant, etwa an die 60, gehörte dort eher zum jungen Blut. Viele der Teilnehmer seien noch „Relikte“ aus den Studentenbewegungen der 60er Jahre, wurde mir auf den Ausdruck meiner Verwunderung hin erwidert. Obwohl eine friedlichere und harmonischere Demo kaum vorzustellen war, war die exzessive Kontrolle der Polizei, durch die die Demonstration in verschiedenster Form behindert wurde, schockierend für mich. Trotz all dieser Hindernisse sind die Organisatoren und einzelnen Teilnehmer mehr als bemüht, sich akribisch an die vorgegebenen Regeln zu halten und mit der Polizei zusammenarbeiten. Zum Beispiel gab es bei der Demonstration zwischendurch einen Bereich, wo man aufgefordert wurde, jegliche Fahnen zu senken und Sprechgesänge verboten waren. Man hielt sich an die Regeln, auch wenn man deren Sinnlosigkeit und Schikanecharakter still bemängelte, und senkte die Fahnen und die Stimmen.


Auf dem Plakat ist zu lesen „Bitte senken Sie die Fahnen!“ (Hata wo oroshite kudasai! 旗を降ろしてください)

Auch die Reaktion der Medien angesichts des nicht ganz unwesentlichen Ausmaßes der Demonstration fand ich bemerkenswert. Man widmet dieser nicht mehr als eine kleine Randnotiz.


Linkes Bild: Nihon Keizai Shinbun Morgenausgabe 11.März 2013 【「日本経済新聞」3月11日付朝刊、38面】
Rechtes Bild: Asahi Shinbun Morgenausgabe 11.März 2013【「朝日新聞」3月11日付朝刊、28面】

Das, wird mir gesagt, sei keine Ausnahme. Die großen Medien in Japan seien mit der Regierung und den Energiekonzernen verknüpft, von freier Presse kann also durchaus nicht die Rede sein. Somit wird von den Anti-Atomenergie-Demonstrationen das Bild einer lästigen Randerscheinung, angeführt von ein paar extremen Demonstranten gezeichnet. In wie weit man hier von einer unabhängigen Presse und dem Recht auf freie Meinungsäußerung sprechen kann, bleibt dahingestellt.

Die nächste Demonstration, an der ich teilnahm, fand am 2. Juni unter dem Motto 「6.2 NO NUKES DAY statt.

Diesmal arbeiteten drei Gruppen (Sayonara Nukes さようなら原発1000万人アクション[1]、No! Nukes 原発をなくす全国連絡会[2]、Coalition Against Nukes 首都圏反原発連合[3]), die sich dem Kampf gegen die Atomkraft verschrieben haben, zusammen und hielten jeweils ihre Versammlungen ab. Ich nahm an der Zusammenkunft der erstgenannten Gruppe im Shiba-Park teil. Anschließend bewegte man sich in einer Parade, wieder begleitet von Sprechgesängen und verschiedensten Instrumenten, Richtung Parlament, wo sich die Gruppen wieder zusammenfanden. Mein Eindruck bezüglich der Polizeikontrolle, großer Bereitschaft zum Kompromiss, zur Zusammenarbeit und Regeleinhaltung von Seiten der Veranstalter gegenüber der Polizei und der Altersstruktur, war mit der ersten Demonstration vergleichbar.

Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir diesmal die Rede von Ōe Kenzaburō, dem japanischen Literatur-Nobelpreisträger. Einen Teil davon möchte ich im Folgenden hier als Übersetzung beisteuern:


Ōe Kenzaburō bei seiner Rede am 2. Juni 2013 bei der Versammlung „6.2 Verbinden wir uns mit Fukushima! Tschüss, Atomkraft!“ im Shiba-Park im Rahmen des "6.2 NO NUKES DAY "

„(...)
Das Gesuch auf Wiederaufschaltung der Atomreaktoren ist genauso ein Verrat an den Menschen, die unter dem Unfall von Fukushima litten, wie an jenen, die sich heute an verschiedensten Orten versammeln, ihre Stimme für den Atomausstieg erheben und demonstrieren. Des Weiteren ist es eine Beleidigung gegenüber den Menschen, die in überwältigender Weise ihren Willen zum Atomausstieg in verschiedensten Umfragen kundgetan haben. Warum lässt man so etwas zu? Warum lassen wir die gegenwärtige Regierung gewähren? Wir haben im Angesicht des Elends vom 11.3. entschieden, dass es keine andere Wahl als den Atomausstieg geben kann. Seitdem sind gerade mal zwei Jahre vergangen. (…)

Direkt nach dem 11.3. hat Deutschland, mit der Begründung, dass es keine ethische Grundlage für den Gebrauch von Atomenergie gibt, einen Richtungswechsel eingeschlagen.
    In anderen Ländern werden die Worte „ethisch“ oder „Moral“ wenig gebraucht, die Volksvertreter in Deutschland aber haben „Moral“ auf folgende Weise festgelegt:
    Wir dürfen das (Über-)Leben der nächsten Generation nicht behindern. Wir dürfen die Umwelt der nächsten Generation nicht zerstören. Dieses ist laut dieser Definition das wichtigste moralische Prinzip der Menschen.
    Dies ist die wirklich grundsätzliche moralische Grundlage der Menschen, ja der menschlichen Rasse. Dies zu verwirklichen ist der Wille der deutschen Volksvertreter und dies haben sie gesetzlich festgehalten. Und das wird nun nach und nach umgesetzt.
    Was hingegen ist die Grundlage des Handelns der Regierung Japans, zum Beispiel von Premierminister Abe? „Politisch“ oder „wirtschaftlich“, auf diesen Prinzipien basierend handeln die japanischen Machthaber. „Ethik“ oder „Moral“, das sind Dinge, die sie nicht bedenken. Solche Menschen sind verantwortlich für unsere Politik. Wir müssen uns überlegen, wann die Menschen in diesem Land, die Gesellschaft dieses Landes, von diesem Einfluss erdrückt werden. (...)

Zwei Jahre nach dem Krieg wurde die neue Verfassung in Kraft gesetzt. Ein Jahr davor erfuhr ich von ihrem Inhalt, ich habe ihn gelesen. Zwei Jahre nach der Niederlage war das ganze kleine Dorf wie ich auch aufgeregt im Angesicht dieser Inkraftsetzung. Die Einzelnen wie die dörfliche Gemeinschaft standen offensichtlich der Inkraftsetzung positiv gegenüber.
    Besonders ein Punkt war für mich sehr eindrücklich. Selbstverständlich war die Rede von Pazifismus, auch von Demokratie, aber ich als 12jähriger Junge war besonders angetan vom 13. Artikel, der besagt, dass jeder Einzelne des Volkes als Einzelperson respektiert wird.
Bis dahin hatte ich nicht das Gefühl gehabt, als Einzelperson respektiert zu werden.
Dies, dass jeder einzelne respektiert wird, wollte ich zu meiner eigenen Lebensweise machen. Das war vor 66 Jahren.

Mir bleiben nicht mehr viele Tage, aber mehr als alles andere möchte ich wie die Menschen in Deutschland sagen und denken, und auch verwirklichen, dass wir nach dem grundsätzlichen moralischen Prinzip leben und handeln, dass wir der nächsten Generation in diesem Land, in Asien und auf der ganzen Welt eine Welt hinterlassen, in der man leben kann. Das möchte ich zu meiner Aufgabe machen.
    Um das zum wiederholten Male klar zu machen, bin ich hier, um an dieser Demonstration teilzunehmen. Lasst uns entschlossen und zielbewusst weitermachen!“

Diese Rede lasse ich unkommentiert. Ich möchte jedoch nur hinzufügen, dass ich diese Rede nicht ausgewählt habe, um die deutsche Politik zu verherrlichen, da man sicherlich sagen muss, dass auch in Deutschland auf politischer Ebene nicht ausschließlich auf ethischer Grundlage gehandelt wird.

Im Folgenden möchte ich auf ein spezielles Phänomen der Anti-Atom-Bewegung in Tôkyô eingehen, die Freitags-Demonstrationen vor dem Sitz des Premierministers. Dies ist ein bereits lang anhaltender Teil der Anti-Atomkraft-Bewegung in Tôkyô, wird jedoch besonders in jüngster Zeit durch das bewusste Verschweigen der Massenmedien, selbst von vielen Tôkyôtern nicht wahrgenommen. Von dieser speziellen Art des konsequenten Demonstrierens wollte ich mir selbst ein Bild machen und um dies auch mit der Unterstützung eines „Profis“ zu tun, habe ich meinen Hauptinformanten, einen ehemaligen Professor für Meeresbiologie, der jeden Freitag gewissenhaft – immer mit seinem chinesischen Gong ausgestattet – an der Demonstration teilnimmt, gebeten, mich einzuweisen und mir Hintergrundinformationen zu geben. Von meinem Interesse hoch begeistert, habe ich von ihm eine sehr ausführliche Einführung in die „Freitagsdemo“ bekommen und zusätzlich eine umfassende Zusammenstellung von Informationen zur Unterstützung erhalten.

Folglich stammt vieles, was ich hier darstelle, mit freundlicher Erlaubnis von ihm. Diese Informationen basieren zum einen auf seinen eigenen reichen Erfahrungen, da er seit Fukushima sehr aktiv in der Anti-Atom-Bewegung ist, jeden Freitag an den Demonstrationen teilnimmt und somit die Demo-Szene und die Hintergrundinformationen gut kennt und zum anderen aus seinen Recherchen, die er eifrig betreibt. An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich für die große Unterstützung bedanken!

Mein „Debüt“ findet am 16. August 2013 statt. Ich treffe kurz vor 16.30 Uhr am ausgemachten Treffpunkt, dem sogenannten Zeltplatz (Tento Hiroba テントひろば) ein, wo sich bereits etwa vierzig oder fünfzig Leute eingefunden haben und, wie mir erklärt wird, auf den Beginn der Übertragung einer Sendung, die man im Internet live sehen kann, warten. Bis zu deren Start wird mir erst einmal eine ausführliche Erklärung zum Hintergrund und der Entstehung des Zeltplatzes geliefert. Diese möchte ich den Lesern, wenn auch in Kurzfassung, nicht vorenthalten.

Der Zeltplatz ist direkt vor dem Wirtschaftsministerium angesiedelt, das für viele der „Kern des Übels“ ist. Auf wirtschaftlichen Überlegungen basierend wird hier die Atompolitik vorangetrieben und darüber hinaus trotz der Katastrophe von Fukushima der Export und Verkauf der Technik und Anlagen an Länder wie Indien und die Türkei gefördert. Somit wurde der Zeltplatz nicht ohne Grund vor diesem Zentrum der Wirtschaftstätigkeiten Japans errichtet, das von manchen Demonstranten als „Tempel des Bösen“ bezeichnet wird. Er befindet sich direkt an einer großen, vielbefahrenen Kreuzung am Ausgang 12a der Metro-Station Kasumigaseki 霞ヶ関. Ein sehr bunter Fleck inmitten des Graus der Großstadt.

Dieser Zeltplatz sei das Symbol des Kampfes gegen die Atomkraft und eine Festung an der vordersten Front, wie mir sehr bildlich beschrieben wird.

Am 11. September 2011, genau ein halbes Jahr nach der Katastrophe von Fukushima, gab es eine Aktion (「経産省を人間の鎖で囲もう! 1万人アクション」)、bei der man anstrebte, das Wirtschaftsministerium mit einer Menschenkette zu umgeben, um für den Atomausstieg zu demonstrieren. Davor gab es einen Demonstrationszug, der vom Hibiya-Park zum Hauptgebäude von Tepco (「東電本店前」) und wieder zurückführte. Die Chance dieses Durcheinanders und somit die auf die Demonstranten gerichtete Aufmerksamkeit der Polizei nutzend konnten verschiedene Aktivisten um Fuchigami Tarō 渕上太郎 das Anti-Atomkraft-Zelt (datsu genpatsu tento 脱原発テント) errichten. Das Zelt ist seitdem 24 Stunden am Tag besetzt, um es vor möglichen Angriffen bzw. Beseitigungsversuchen von Seiten rechter Gruppen oder des Wirtschaftsministeriums, der Polizei und somit der Regierung zu schützen.

Zwei Frauen-Gruppen, die sich dem Ziel des Atomausstiegs verschrieben haben, (Genpatsu iranai Fukushima no onnatachi 「原発いらない福島の女たち」, Genpatsu iranai zenkoku no onnatachi 「原発いらない全国の女たち」) haben von Ende Oktober bis Anfang November 2011 einen zehntägigen Sitzstreik beim Anti-Atom-Zelt gehalten. Dadurch zog der Platz beim Anti-Atom-Zelt noch mehr Aufmerksamkeit auf sich und wurde zu einem wichtigen Ort des Austausches der Anti-Atom-Bewegung. Er bleibt auch weiterhin ein Knotenpunkt für Opfer der Katastrophe, die sich nun der Bewegung widmen, Aktivisten, Demonstranten und sonstige Interessierte. Viele Besucher aus Japan und aus der ganzen Welt finden sich hier ein. Der Zeltplatz ist ein Ort des friedlichen, gewaltlosen (Gandhi-artig, wie man mir stolz erklärt) Widerstandes und ein Ort der Umsetzung einer direkten Demokratie. Es werden zahlreiche Events und Aktionen veranstaltet, die sich besonders auf die Zeit von 16 bis 18 Uhr vor den jeweiligen Freitagsdemonstrationen konzentrieren. Zum Beispiel haben am 2. Mai 2012 zwei berühmte japanische Autorinnen, Setouchi Jakuchō 瀬戸内寂聴 (geb. 1922) und Sawachi Hisae 澤地久枝 (geb. 1930) einen zweitägigen Hungerstreik beim Zelt abgehalten, was seltenerweise sogar von den japanischen Massenmedien aufgegriffen wurde.[4] Ein Auszug aus den Worten von Setouchi Jakuchō im Rahmen dieses Events: “Nach dem Zweiten Weltkrieg bin ich mir dessen bewusst geworden, dass ich dumm war, die Verkündigungen des Kaisers zu glauben; das wurde mir dann zuwider. Ich beschloss von nun an nur noch zu glauben, was ich selbst an eigenem Leibe erfahre. Die Nachrichten, die auf der ganzen Welt verbreitet werden, sind keineswegs pure Wahrheit. Deswegen möchte ich den jungen Leuten sagen, dass sie allem mit Zweifel begegnen sollen.“[5]

Im darauffolgenden September erhielt der Zeltplatz Unterstützung von LaborNet TV, einem unabhängigen Internet-Kanal, der sich der Unterstützung des Kampfes von Aktivisten in und außerhalb Japans verschrieben hat. Der Sender setzt sich unter anderen aus Aktivisten und Wissenschaftlern zusammen, die den von den Massenmedien unabhängigen Austausch von Informationen unterstützen.[6] Am 14. September wurde dann die erste Sendung[7] vom Zeltplatz (gegenwärtig bereits bei der 48. Ausstrahlung angelangt!) im Internet live ausgestrahlt und wird das weiterhin jeden Freitag ab 16.30 Uhr. Hier kann man auf der ganzen Welt per Internet die aktuellen Themen rund um die Anti-AK-Bewegung erfahren, die Meinungen interessanter Interviewpartner hören oder auch einfach – auch ohne Japanisch-Kenntnisse möglich – die Atmosphäre um den Zeltplatz schnuppern.

Gegenwärtig stehen die Unterstützer und Kämpfer des Zeltplatzes jedoch vor großen Problemen und müssen um das Ende dieses wichtigen Knotenpunktes bangen.

Das Wirtschaftsministerium hat gegen zwei Verantwortliche desselben Klage eingereicht, was die Aktivisten als einen Slapp-Prozess bezeichnen. Als Slapp-Prozess (Strategic Lawsuit Against Public Participation; zu Deutsch: Strategische Klage gegen öffentliche Beteiligung) bezeichnet man eine Klage von beispielsweise Großbetrieben oder Behörden, um Gruppen (z.B. NGOs) oder Einzelpersonen, die kritische Meinungen vertreten, einzuschüchtern.

Das Wirtschaftsministerium, also die japanische Regierung, hat am 29.3.2012 Klage beim Bezirksgericht Tôkyô eingereicht. Man fordert neben der Beseitigung der Zelte und der Räumung des Gebietes einen Schadenersatz von 11 Millionen Yen (derzeit etwas weniger als 85000 Euro, Stand 30.08.2013).[8] Zwei Verantwortliche wurden identifiziert, Fuchigami Tarō 渕上太郎 und Masakiyo Taichi 正清太一, was die „Zeltler“ dem Missbrauch der Überwachungskameras, die relativ schnell nach der Errichtung der Zelte installiert wurden, zuschreiben. Diese beiden müssen sich nun vor Gericht verantworten.

In Bezug auf die Überwachungskameras sagt einer der Angeklagten beim “Zelt-Prozess”: „Die Installation der Kamera letztes Jahr am 10. August wurde als Schutzmaßnahme gegen rechtsextreme Angriffe erklärt. Letztendlich hat der Staat in der Anklageschrift aber durch die Bilder der Kamera die Verantwortlichen des Zeltes identifiziert. Offensichtlich handelt es sich hierbei um einen rechtswidrigen Missbrauch. Die Bilder stellen auf rechtswidrige Weise erlangte Beweise dar.“

Interessant ist, dass nur Verantwortliche des ersten Zeltes, aber nicht der anderen zwei Zelte verklagt werden. Eine Verantwortliche des Zeltes der Frauen von Fukushima sagt dazu, dass eigentlich auch das „Frauen-Zelt“ verklagt werden müsse. Wenn man aber so weit gehen würde, könnte dies schnell Wut und Widerstand beim Volk auslösen und dessen ist man sich durchaus bewusst. Deshalb beschränkt man sich auf das erste und innerhalb dessen auch nur auf zwei Mitglieder.[9]

Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.


Interview von Matsumoto Chie  松元ちえ mit Fukushima Mizuho  福島みずほ

Um 16.30 Uhr, wie jeden Freitag, beginnt die Live-Übertragung der bereits erwähnten Sendung. Bei dieser 47. Ausstrahlung[10] wird zunächst Fukushima Mizuho 福島みずほ,die ehemalige Parteivorsitzende der Sozialdemokratischen Partei (Shakai minshu-tō 社会民主党) interviewt. Sie ist stark engagiert in der Anti-Atomkraft-Bewegung und bei verschiedensten Veranstaltungen in deren Rahmen ein häufig gesehener und gehörter Gast. In dem Interview fordert sie unter anderem die Regierung auf, sich der Bevölkerung gegenüber offen und ernsthaft mit dem auslaufenden verstrahlten Wasser, das weiterhin ins Meer fließt, auseinanderzusetzen und Verantwortung zu übernehmen, anstatt die Atomenergie weiter voranzutreiben.

Nach weiteren Interviews und musikalischer Untermalung tritt eine junge Frau auf, Eri, die Briefe von Kindern aus Fukushima vorliest, die in einem Buch veröffentlicht wurden. Sie tut das unter Tränen und die Stimmung um den Zeltplatz ist nun sehr bedrückt.


Eri zeigt ihr Plakat und liest eine Auswahl der Briefe der Kinder von Fukushima vor.

Der Name des Buches lautet übersetzt „Briefe der Kinder von Fukushima – Wann vergeht die Strahlung?“ (Fukushima no kodomotachi kara no tegami - Hōshanōtte itsu naku naru no?「ふくしまの子供たちからの手紙 ほうしゃのうっていつなくなるの?」(朝日新聞出版、2012年)). Ein Beispiel eines Grundschülers, 3. Klasse, das sie vorgetragen hat, ist folgendes: „Ich möchte in der Zukunft Fußballspieler für das Japanische Nationalteam werden. Aber jetzt kann ich in Fukushima nicht mehr viel trainieren. Wann endlich vergeht diese Strahlung? Kann ich erwachsen werden? Ich will endlich wieder draußen spielen! Von meiner Familie getrennt zu sein, ist mir zuwider. Und auch von meinen Freunden. Helft uns doch bitte irgendwie!“[11]

Zum Abschluss dann noch ein Lied und die heutige Aufzeichnung geht ihrem Ende zu. Um etwa 17.30 Uhr kommt plötzlich ein schwarz gekleideter Mann herbei gerannt, versucht in eins der Zelte zu gelangen und reißt einen Teil dessen um. Er wird jedoch sofort von mehreren Leuten vom Zelt überwältigt und zu Boden gedrückt. Mir wird danach gesagt, dass es sich hierbei wohl um ein Mitglied einer rechtsradikalen Gruppe handelt und dass so ein Angriff keine Seltenheit sei. Was genau danach mit dem Mann passierte, ist mir nicht klar, jedoch war später am Zeltplatz wieder alles im ursprünglichen Zustand, was darauf schließen lässt, dass man den Angreifer letztendlich erfolgreich in die Flucht schlagen konnte.

Unsere nächste Station ist dann die Demonstration nahe dem Sitz des Premierministers (shushōkantei shūhen kōgi 首相官邸周辺抗議). Viele Leute stehen wartend, abgetrennt von den passierenden Passanten durch Bänder, sehr wohlgeordnet auf dem Bürgersteig.


Vor dem Gebäude des Japanischen Journalistenclubs, kurz nach 18 Uhr

Viele halten Plakate und/oder Musikinstrumente in ihren Händen, jedoch noch nicht in Gebrauch. Am Kopf der Schlange befindet sich eine Gruppe von Trommlern, die aber auch noch keinen Mucks von sich geben. Darunter entdecke ich auch ein sogar mir als Demo-Anfänger bekanntes Gesicht, Misao Redwolf, eine Hauptakteurin der bereits erwähnten Gruppe „Coalition against Nukes“ (Shutoken hangenpatsu rengō 首都圏反原発連合)[12]. Trotz der zahlenmäßig nicht allzu großen Gruppe von Demonstranten, ist die Zahl der Polizisten, die die Demonstranten sehr kritisch beäugen, beachtlich.

In der Nähe des Einganges zum Gebäude des Journalistenclubs treffe ich auf einen jungen Mann, der drei aneinandergereihte Ölbilder an sich gelehnt präsentiert.


Akira Tsuboi mit seinem Werk „Mu shubutsu“

Auch er scheint, stets ausgerüstet mit seinem Bild, bei der Freitagsdemonstration ein ständiger Gast zu sein, wie man mir sagt. Er erklärt mir folgendes: Er hat das Bild angefertigt, nachdem er in Fukushima die Geschichten von zahlreichen Opfern der Katastrophe gehört hat und hat diese in dem Bild verarbeitet.

Der Titel des Bildes ist „Mu-shubutsu“ 「無主物」, auf Englisch von ihm als „No-Owner-Substances“ benannt.[13] Unter dem gleichen Titel hat er zunächst auf Japanisch und darauf folgend auf Englisch einen kleinen Bildband herausgegeben, von dem er mir ein Musterexemplar schenkt. Auf der ersten Seite findet man die Erklärung zum Titel: “In August 2011 in Tôkyô Regional court, the counsel for the defense of Tepco said „The radioactive substances that adhere to the greens and fairways are not ours, they belong to nobody, the are `No Owner Substances`= Mu-shubutsu.“ Der Bildband besteht aus zwei Teilen. Zunächst ist eine Geschichte rund um sein Bild in Form eines Bilderbuchs abgedruckt. Der zweite Teil besteht aus einer Erzählung einer Mutter aus Kagoshima, in der sie von den Vorgehensweisen der Fukushima Medical Association berichtet, welche Ärzten in Fukushima vorschrieb, Untersuchungen und Behandlungen in Verbindung mit Strahlenkrankheiten zu verweigern, was auch von den meisten befolgt wurde. Im Angesicht dessen haben die Bürger von Fukushima die „Fukushima Collaborative Clinic“ selbst errichtet, in der hauptsächlich Ärzte aus anderen Präfekturen freiwillig Dienst verrichten. Der Künstler hält zahlreiche Vorträge in Verbindung mit seinem Bild, stellt in Galerien aus und ist zudem auf der Freitagsdemo im Normalfall präsent, wo er, wenn er nicht gerade zu seinem Bild befragt wird, still, aber überaus eindrucksvoll, mit seinem Bild Geschichten von Opfern aus Fukushima erzählt.

Schließlich beginnt um Punkt 18 Uhr der Sprechchor, in dem man unter vielem anderen lautstark die Abschaltung der Atomkraftwerke, Verantwortungsübernahme durch die Regierung und den Atomausstieg fordert. Auch dies geschieht sehr friedlich, mit viel gegenseitiger Rücksichtnahme, bunten Schildern und vor allem viel Musikbegleitung. Gegenwärtig finden sich jeden Freitag zur Demonstration beim Sitz des Premierministers laut der Veranstalter insgesamt etwa 3000 Menschen ein, wobei im Sommer 2012 zu Bestzeiten noch bis zu 200.000 Menschen gezählt wurden. Von dieser Zeit berichtete mir mein Informant, der bereits zu diesem Zeitpunkt jeden Freitag an den Demonstrationen teilnahm.


29. Juli 2012, im Bereich des Haupteingangs des Parlaments  (Quelle: http://critic5.exblog.jp/18749377/)

An den zwei Freitagen, am 29. Juni 2012 und am darauf folgenden 6. Juli, fanden sich laut Veranstalter 200.000 bzw. 150.000 Menschen vor dem Sitz des Premierministers ein, um gewaltfrei und friedlich gegen den Einsatz von Atomenergie zu demonstrieren und machten das Areal zu einem „befreiten Gebiet“ (kaihōku 解放区). Die Reaktion der Polizei, die bei diesen Menschenmassen die Kontrolle und somit ihr Gesicht verloren hatte, war exzessive Kontrolle und Bewachung durch Barrikaden und Absperrungen, wodurch trotz Teilnehmerzahlen in ähnlichem Maße eine Wiederholung einer solchen Demonstration bereits die zwei nächsten Freitage danach unterbunden wurde. Am 29.7. waren es jedoch wiederum etwa 200.000 Demonstranten, was die Polizei trotz exzessiver Polizeikontrolle den Überblick verlieren ließ. Sogar diese gewaltigen Demonstrationen wurden von den japanischen Massenmedien ignoriert oder heruntergespielt.

Aber zurück zum aktuellen Freitag. Neben dem unerschöpflichen Enthusiasmus, der in der Luft liegt, fällt mir auch sehr stark auf, dass die Veranstalter wieder überaus auf gute Zusammenarbeit mit der Polizei bedacht sind. Ich lasse mir sagen, dass man erstens verhindern möchte, dass es zu noch stärker einschränkenden Kontrollen kommt und zweitens, dass man um jeden Preis ein positives Bild der Demonstrationen gegenüber der Bevölkerung darstellen möchte. Seit der 68er Bewegung in Japan wird in den Medien ein Bild gezeichnet, das Demonstranten fast mit Terroristen gleichsetzt, was sich in so manchem Kopf festgesetzt haben zu scheint. Auch in meiner persönlichen Erfahrung aus Gesprächen mit Bekannten muss ich bestätigen, dass erstaunlicherweise besonders viele junge Leute Demonstrationen und desgleichen nicht als etwas Positives und nicht als legitimes Mittel der Demokratie aufzufassen scheinen. Dennoch ist die Realität genau gegenteilig. Friedlichere und rücksichtsvollere Demonstranten und ein regelgerechteres erhalten sind kaum vorstellbar. Daneben ist besonders die Pünktlichkeit bemerkenswert. Man hält sich strikt an die vorgegebene Demonstrationszeit. Die Sprechchöre und die Musik beginnen um Punkt 18 Uhr und enden auf die Sekunde um 20 Uhr.

Als nächstes begeben wir uns Richtung Haupteingang des Parlamentsgebäudes. Auf dem Weg treffen wir viele kleine Gruppen, die zum Beispiel Kerzen oder ein Poster des im Jahre 2009 im Alter von 58 Jahren verstorbenen japanischen Rockstars Imawano Kiyoshirō 忌野清志郎, der sich stark gegen die Atomkraft einsetzte, aufgestellt haben und zu den Klängen seiner Musik mitwippen. Auch diese Grüppchen seien fester Bestandteil der Freitagsdemo, heißt es.


Gegen AKWs mit Kerzen

Als wir bei der nächsten größeren Menschentraube ankommen, sind Reden und Sprechchöre im Gange. Fukushima Mizuho, die bereits als Interviewpartnerin am Zeltplatz aufgetreten war, hält eine brennende Rede. Ich gehe weiter zur nächsten „Station“, die als Family-Area ausgezeichnet ist. Ein Relikt aus den Tagen, als die Demonstration überlaufen und vielleicht für kleine Kinder eher ungeeignet war, ein Rückzugsort für Familien. Dort wieder Sprechchöre, Trommler und Musikanten.

Hier endet dann genau um 20 Uhr die Demonstration und als letztes werde ich wieder Richtung Wirtschaftsministerium zum Zeltplatz gelotst, zur Diskussionsversammlung (keisanshō taiwa shūkai 経産省対話集会). Dies ist nicht mehr offizieller Teil der Demonstration und man hört abgesehen vom Atomausstieg Reden zu verschiedensten Themen. Ein zentraler Diskussionspunkt ist das verschmutzte Wasser, das weiterhin aus den Reaktoren von Fukushima ins Meer läuft. Jedoch kommen hier auch andere Themen zur Sprache. Man argumentiert gegen die von der Regierung angestrebte Verfassungsänderung, Steuererhöhungen und sonstige aktuelle Streitpunkte. Auch hier werden nach einigen Reden wieder Sprechchöre laut, die von einer Gruppe junger Leute, im Zentrum ein junger Reggea-DJ, wie mir gesagt wird, angeführt werden. Diesmal richtet man sich direkt gegen das Wirtschaftsministerium, vor dessen Haupteingang sich eine Gruppe von geschätzt 50, 60 Demonstranten zusammengefunden hat, von dem aus man sich zum Eingang des Nebengebäudes bewegt. Dort kochen, besonders nachdem das gesamte Licht im Bereich des Eingangs des Gebäudes gelöscht wird, um wohl deutlich zu machen, dass die Stimmen ignoriert werden, die Sprechchöre noch einmal hoch.[14] Ich selbst, schon vollkommen erschöpft vom Schreien und Laufen, muss uneingeschränkt die Energie der Menschen, besonders derer, die ohne aufzugeben, jeden Freitag teilnehmen, bewundern.


Nachdem es dunkel wurde, vor dem Eingang des Wirtschaftsministeriums

Nachdem man noch mal alles gegeben hat, verabschiedet man sich gegen 21.30 Uhr und die Gruppe löst sich auf. Da sich die meisten spätestens am nächsten Freitag wieder treffen, ist es nur ein kurzer Abschied.

Ich habe bereits zu Anfang dieses Berichts meine Frustration mit vielen jungen Japanern zum Ausdruck gebracht, die sogar nach einer einschneidenden Katastrophe wie der von Fukushima kein Interesse an der japanischen Atompolitik zu zeigen scheinen. Glücklicherweise konnte ich feststellen, dass es zahllose junge und nicht mehr ganz so junge Japaner gibt, auf die das keineswegs zutrifft.

Dennoch kann man vielleicht allgemein sagen, dass zum Beispiel im Gegensatz zu Europa, wo es als junge Person, besonders als Student, fast zum guten Ton gehört, sich mehr oder weniger engagiert mal auf einer Demo blicken zu lassen, in Japan politisches Interesse, ganz zu schweigen von politisch motiviertem Aktivismus, einfach nicht als besonders „cool“ gilt. Obwohl viele Menschen der Atomkraft kritisch gegenüber stehen, was sich in zahlreichen Umfrageergebnissen zeigt, ist es oft der Fall, dass man über solch delikate Themen mit Freunden und Bekannten nicht spricht, in den Massenmedien, die mit der Regierung und den Elektrizitätsunternehmen verknüpft sind, keinerlei Informationen zu kritischen Meinungen findet und somit eventuell das Gefühl bekommen kann, mit seiner Meinung allein dazustehen. Außerdem erschließt sich für viele gar nicht die Idee, dass man selbst, zumindest in Form der Teilnahme an einer Demonstration, seiner Meinung Gehör verschaffen könnte. Das Bewusstsein, dass man selbst an der Demokratie beteiligt sein kann und dass man das Recht hat, seine Meinung kund zu tun, ist in Japan zumindest bei einem Großteil der Bevölkerung sehr erfolgreich unterbunden worden, scheint mir. Ich möchte keineswegs behaupten, dass dies ein typisch japanisches Phänomen sei, aber es ist klar, dass politisches Bewusstsein von Seiten der Regierung durchaus nicht als wünschenswert betrachtet wird und man in dem straffen Schulsystem weniger kritisch denkende als mehr leicht kontrollierbare Bürger, die sich dem System fügen, zu kreieren versucht. Man kann der Atom-Frage gegenüberstehen wie man will, dass ein leicht-kontrollierbares und nicht kritisch denkendes Volk aber eine hoch-gefährliche Angelegenheit ist, hat die Geschichte gezeigt.

Trotz allem erheben, wie in diesem Erfahrungsbericht hoffentlich deutlich geworden ist, viele ihre Stimme und man kann sicherlich nicht sagen, dass es sich hier um ein Volk handelt, das alles still hinnimmt. Dieses Bild versucht man zwar zu vermitteln, um dadurch kritische Stimmen ungehört und eben solche erst gar nicht aufkommen zu lassen, man ist damit aber durchaus nicht vollkommen erfolgreich.

Auch sieht man viele Bemühungen von jungen Politikern und Aktivisten, besonders den Jungen in Japan ihre politische Verantwortung auf unorthodoxe Art und Weise klar zu machen und das Bild der aktiven politischen Teilnahme zu verbessern. Hier kann man als Beispiel das sogenannte „Wahlfest“ (senkyo fesu 選挙フェス)[15] nennen, das von jungen Kandidaten der letzten Wahl, wie Miyake Yōhei 三宅洋平 oder Yamamoto Tarō 山本太郎, veranstaltet wurde, um junge Leute zum Wählen und besonders zum kritischen Denken aufzufordern. Im Rahmen einer Art Musikfestival, das an verschiedenen Orten Japans, zum Beispiel an dem Knotenpunkt Shibuya in Tôkyô, veranstaltet wurde, wurden politische Themen angesprochen, die besonders die Jungen angehen. Die Organisatoren erhofften sich damit eine Steigerung des politischen Bewusstseins und natürlich einen persönlichen Wahlerfolg. Diese Aktivitäten werden sicherlich stark erschwert durch die Gegenarbeit und durch das Ignorieren der mit der Regierung und den Elektrizitätsunternehmen eng verknüpften Massenmedien. Es ist also zu hoffen, dass nicht nur die Atomkraft-Gegner, sondern alle kritischen Stimmen nicht verschallen und ganz besonders, dass die Träger derselben nicht den Mut verlieren, weiter auf ihre friedliche Weise zu kämpfen und nicht aufzugeben.


Fußnoten:

[1] http://sayonara-nukes.org/
[2] http://www.no-genpatu.jp/
[3] http://coalitionagainstnukes.jp/
[4] Auf Japanisch:

[5] Japanischer Originaltext: 「大本営発表を信じていた自分の愚かさが、戦後つくづくいやになった。これからは、自分でさわって体で感じたものでないと信じまいと思った。世の中に出てるニュースは、けっして真実じゃない。だから、なんでも疑ってかかりなさいと若いひとに言いたい。」
[6] http://labornetjp.blogspot.jp/
[7] Die Aufzeichnung der ersten Sendung: http://www.ustream.tv/channel/tentcolor#/recorded/25397996
[8] Zum Prozess (auf Japanisch):

[9] http://www.labornetjp.org/news/2013/0722hokoku
[10] Liveausstrahlung (auf Japanisch): http://www.ustream.tv/channel/tentcolor
[11] Japanischer Originaltext: 《福島市小学校3年生、男の子。ぼくは、将来、サッカー日本代表になりたいです。でも、いまの福島ではいっぱい練習できません。いつになったら放射能はなくなりますか? ぼくは、大人になれますか? はやく外で遊びたいです。 家族が離れるのは、もういやです。ともだちと離れるのもいやです。どうか、ぼくたちを助けてください。》
[12] coalitionagainstnukes.jp
[13] Homepage des Künstlers (Englische Version): http://dennou.velvet.jp/bookTBN_eng.html
[14] Videos dazu:

[15] Auf der Homepage der „Grünen Partei Japans“: http://greens.gr.jp/2013kokkai_info/8288/__

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