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Vorbemerkung zur Übersetzung des Textes „Ich möchte, dass die Leute erfahren, was Atomkraftwerke sind“ von Hirai Norio (1939-1997)

Veröffentlicht von Textinitiative am 30.08.2011
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Obwohl der folgende Text seit Jahren im Netz zu finden war und dort auch kommentiert, diskutiert sowie als „zu emotional“, „voller Übertreibungen, ja Unwahrheiten“ etc. angefochten wurde, stand er bis zum 11. März 2011 nicht im Fokus einer breiteren Debatte. Nach den Havarien in Fukushima 1 jedoch erhielten er und sein Autor immer mehr Aufmerksamkeit – auch über Japan hinaus (mittlerweile liegen auch mindestens zwei englische Übersetzungen vor:
http://independent.academia.edu/YasuoAkai/Papers/678874/Norio_Hirai_I_Want_You_to_Know
_What_a_Nuclear_Power_Plant_Is_

und http://www.facebook.com/note.php?note_id=122692927808800&comments ).
Abgeglichen werden kann der Text übrigens auch mit einer Reihe von Youtube-Sequenzen, die Hirai Norio als Vortragenden und Diskutanten auf verschiedenen öffentlichen Veranstaltungen zeigen, wo er zentrale Aussagen der hier übersetzten schriftlichen Ausführungen mündlich darlegt: vgl. z.B. http://www.youtube.com/watch?v=0x1AQ5HRu0o&feature=related, Teil 1 von insgesamt 10 Sequenzen des Vortrags „Verborgene Wahrheit. Darum sind AKW in Japan gefährlich“; diesen hielt Hirai am 12. Oktober 1996, wenige Monate vor seinem Tod, an der Itō-Juku, einer 1995 von Itō Makoto (u.a. Verfassungsrechtler und Mitakteur im „Magazine9“ http://magazine9.jp/ ) zur „Heranbildung wahrer Juristen und Verwaltungsbeamter“ gegründeten Privatschule; folgender Link führt auf den gesamten, von der Itō-Juku aufgezeichneten Vortrag, der aber offensichtlich (derzeit) nicht aktiviert werden kann:
http://bb.itojuku.net/iclass/open/103.jsp?p_dclsid=00005590&p_dboxid=00000183 ).
Für eine Aufnahme der Ausführungen hier in die "Textinitiative Fukushima" sprechen wenigstens drei Gründe: Erstens bestätigen nicht nur andere AKW-Gegner mit ihren zu Papier oder zu Gehör gebrachten Erfahrungen einen Großteil der Ausführungen von Hirai, sondern auch die Ereignisse seit dem 11.3. und die (verfälschenden oder Nicht-)Reaktionen der Verantwortlichen darauf. Zweitens ist der Text aus der Perspektive des Umgangs mit Kritik an der AKW-Politik (nicht nur in Japan) in den Mainstream- und den sog. Neuen Medien interessant: Ignoranz in ersteren trägt dazu bei, dass es nur schwer zu einer sachlichen Auseinandersetzung über aufgezeigte Mängel und Vorwürfe kommt, stattdessen in letzteren entweder Mitgefühl mit Hirai oder aber pauschale Ablehnung vorherrschen. Das führt zu einem dritten Aspekt, warum es Sinn macht, sich mit Äußerungen wie denen von Hirai (aber auch von Kamanaka, Hirose, Koide u.a. Anti-AKW-Akteuren) zu befassen: Sie blieben in dem hängen, was Mishima Kenichi in DIE ZEIT vom 7. Mai 2011 („Des Pudels Kern“) als „Kryptoöffentlichkeit“ bezeichnet hat: „Trotz ihrer Verbreitung haftet seinen Büchern [gemeint ist hier der international bekannte Atomphysiker Takagi Jinzaburō; S.R.] der Charakter eines Samisdats an. Eine Wirkung, wie sie Holger Strohm mit seinem Buch Friedlich in die Katastrophe (1973) erzielen konnte, hat er nicht erreichen können. Der Effekt war hier in Japan die Bildung einer Art Anti-Club. Die Mitglieder treffen sich und feiern im Schulterschluss gegenseitig ihre Anti-Mentalität. Diesem Club steht ein gewaltiges Konglomerat von Atomindustrie, Wissenschaft, Politik und Gewerkschaft gegenüber. Das Konglomerat nennt sich kokett Atomdorf. Der Club der Gegner hat gegen das Dorf keine Chance. Während sowohl Holger Strohm als auch Klaus Traube mit dem Verdienstorden beziehungsweise dem Bundesverdienstkreuz geehrt wurden, denkt unser Staat nicht daran, die ewigen Protestler, unangenehme Sandkörner im Getriebe, mit Orden zu ehren. Sie sind für den Staat bedauerliche, entgleiste Existenzen.“ (http://pdf.zeit.de/2011/19/Japan.pdf ). Sie als Panikmacher oder Verschwörungstheoretiker ins Abseits zu stellen, gehört zu den sozialen und psychologischen Techniken, die einhergehend mit der „autoritären Kerntechnik“ entwickelt werden: „von der heimlichen Verführung zur »Akzeptanz«der Kernkraft bis hin zum offenen Angriff auf Nervensystem und Gehirn reicht eine ganze Skala der Interventionen im Dienste der »Vernunft«. Man schreckt nicht vor der Diffamierung der Gegner zurück, die als »irrational« und »geistig unzurechnungsfähig« bezeichnet werden.“ (Robert Jungk: Der Atomstaat, S. 171). Jungk konzentriert sich gemäß dem Thema seines Buches vor allem auf die Exekutive, die zu solchen Mitteln greift. Die ambivalente Rolle der – vor allem Neuen – Medien bleibt noch in aller Detailliertheit und von Fall zu Fall zu analysieren – zeigt doch der Text von Hirai, dass wir ohne Internet nichts oder kaum etwas von ihm wüssten, dass aber zugleich auch hier die Diffamierungen stattfinden. Was auf die Dringlichkeit verweist, die durch die „Öffentlichkeitsarbeit“ von Oligopolen wie Tepco stattgefundene „Entmachtung der Öffentlichkeit“ nicht nur analytisch-wissenschaftlich aufzuarbeiten; vielmehr bedarf es "eines mühsamen und langwierigen Prozesses, in dem die entmachtete Öffentlichkeit ihre potenzielle kommunikative Macht zurückgewinnt und sich auf diverse Weisen artikuliert.“ (Mishima) – und zwar auch auf Protestdemonstrationen (vgl. das Karatani-Interview vom 17. Juni 2011, übersetzt und veröffentlicht auf dieser Homepage) und durch den „Ausstieg aus Lebensstilen“, die durch die Atomindustrie propagiert und fundiert wurden (vgl. das Interview mit Matsumoto Hajime "Wir sind stinksauer!...“, ebenfalls nachlesbar auf dieser Homepage).


Steffi Richter

Hirai Norio - Ich möchte, dass die Leute erfahren, was Atomkraftwerke sind

Zuletzt geändert am: 25.08.2014 um 11:25

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